Eine Fahrt ins Gelb

Einmal nimmst du deinen Rucksack und verlĂ€sst die Stadt. Du musst aus dieser von Menschen wimmelnden Stadt raus. Sonst wirst du ersticken. Am Bahnhof fragt dich eine Frau an der Kasse nach dem Ziel. Irgendwo in China, sagst du. Das Land sei groß, antwortet die Frau. Dann siehst du die WasserfĂ€lle auf dem 50 Yuanschein. Dorthin gehst du. Zu den Hukou WasserfĂ€llen. Die Frau erklĂ€rt, es sei kompliziert, diesen Ort zu erreichen. Zug zuerst, danach Busse. 

Sechs Stunden Zugfahrt, vier Stunden im Bus und eine Stunde zu Fuß. Du stehst vor den WasserfĂ€llen, die genauso wie das Bild gezeichnet sind, trotz der Farbe. Sie sind gelb. Wolken von Schaum und Wasserdunst bilden einen Nebel. Sie donnern, schlagen auf die Felsen, als wĂŒrde eine Herde Tiger im Rauch des Wassers brausend laufen. In der Luft riecht es nach Erde. Du springst und lĂ€sst Tröpfchen auf dein Gesicht fallen. 

Eintönig, goldgelber Fluss und braune Felsen. Wasser schneidet die Felsen in Schichten und zu scharfen Konturen. Der Gelbe Fluss, der Mutterfluss Chinas, fließt durch die WĂŒste, strömt mit Erde und Sand, verengt sich hier, fĂ€llt 30 Meter tief und windet sich schließlich zwischen den Felsen, wie ein goldener Drache. 

Wohin gehst du danach? Im Dorf steht ein Bus nach Yanan, dem Hauptquartier des chinesischen Staatschefs Mao und seiner kommunistischen Partei. Du steigst ein und fĂ€hrst mit. Der Bus klettert bergauf auf dem schmalen Weg und hinterlĂ€sst Staub. Plötzlich schlĂ€ngelt er sich an dem Rand einer Schlucht entlang. 

Eintönig wieder, gelb, gelb und gelb. Das Lössplateau, eine Hochlandstufe erstreckt sich bis zum Horizont. Die HĂ€user sind in den Löss hinein gebaut. Am Hang des Hochlandes sind Reihen von grĂŒnem Weizen. Du erwischst ein MĂ€dchen in roter Jacke und roter Hose gerade vor der TĂŒr und nimmst ein Foto auf. Ein Winterjasmin blĂŒht im leuchtenden Gelb.

Du ĂŒbernachtest mit sieben Frauen in einem Zimmer in dem besten Hotel Yanans. Feiner Sand fließt mit der Brise und bedeckt Straßen, BĂ€ume und den Bach. Du gehst in den Markt und bist ĂŒberrascht davon, dass viele einheimische Frauen zarte weiße Haut und dunkelblondes Haar haben. 

Am kommenden Tag gehst du weiter nach Huang Ling (Grab des Gelben), dem Geburtsort der VorvĂ€ter Chinas. Du folgst dem von gigantischen uralten Tannen gesĂ€umten Weg zum Tempel und spĂŒrst die Last der Geschichte in jedem Schritt. 

Auf dem Markt isst du eine Nudelsuppe. Neben dir sitzt ein Kind vor einer riesigen SchĂŒssel. Es neigt seinen Kopf zum Tisch, schlĂŒrft die dampfende Suppe und saugt die Nudeln ein. Seine roten Wangen und sein konzentrierter Genuss zaubern dir ein LĂ€cheln auf das Gesicht. Du schlĂŒrfst auch. Ein Mann schlĂŒrft und sagt, sie ist so lecker, dass der Speichel dem Kind aus dem Mund fließt.

Von dort nimmst du einen privaten Bus nach Tong Guan, um in Xian anzukommen. Der Bus macht zahlreiche Pausen. In der AbenddĂ€mmerung bleibt er in einem Dorf ewig stehen. Der Schaffner, Mitte zwanzig, ist ausdruckslos. Sein Blick wirkt auf dich kalt. Ab und zu wechselt er einen flĂŒchtigen Blick mit dem Fahrer. Du siehst ein Messer unter seinem Hemd am GĂŒrtel. Nachdem er ausgestiegen ist, flĂŒstert dir eine Frau zu, dass du den Bus sofort verlassen solltest und du in Gefahr seist. Ein Mann fĂŒgt hinzu, dass du aussiehst wie jemand aus einer großen Stadt mit Geld. Und dass diese Leute keine guten Menschen seien. Du solltest hier in einem staatlichen Hotel unterkommen. Am nĂ€chsten Tag solltest du einen öffentlichen Bus nehmen. Du dankst ihnen, fliehst aus dem Bus und lĂ€ufst zum Dorfzentrum. Warum bist du auffĂ€llig? Du hast etwas Einfaches an. Jeans, ein schwarzes T-Shirt, eine beige Jacke aus Baumwolle und ein Paar billige Canvas Schuhe in Eisblau, die du in Paris bei einer Dienstreise gekauft hast. Du versuchst, dich an die Menschen im Bus zu erinnern. Ihre staubbedeckten Gesichter, ihre rauen HĂ€nde, Frauen mit buntem Kopftuch und MĂ€nner mit einem weißen Kopftuch, von Wind geschnitzten Falten zwischen den NasenflĂŒgeln und den Mundwinkeln und von der Sonne gerötete Wangen. 

Du findest eine staatliche Herberge, die erstaunlich sauber und ordentlich ist. Das Dorf heißt Yaoxian und ist berĂŒhmt fĂŒr die Herstellung von NudelschĂŒsseln aus Porzellan. In einem Laden, der noch offen ist, kaufst du fĂŒr einen Cent eine SchĂŒssel mit handgemaltem blauen Lotus. Der erdige, großzĂŒgige Strich erinnert dich an diese Mitreisenden.

Am nĂ€chsten Tag nimmst du den öffentlichen Bus ĂŒber Tong Guan nach Xian. Dort steigst du in den Zug nach Peking ein, die SchĂŒssel mit Zeitungen umgewickelt in einer PlastiktĂŒte. Du hĂ€ltst sie auf deinem Schoß wĂ€hrend der Fahrt fest. Zwölf Stunden spĂ€ter kommst du in Peking an. Es ist Nacht. Die Stadt ist laut und leuchtet. Du eilst deinem Licht zu. Wieder zu Hause.

Foto: www.pixabay.com

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