Fenstergedanken

von Jonatan

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Ich stehe am Fenster. Wir wohnen in einem sehr alten Haus, aber modern renoviert, haben meine Eltern gesagt. Das bedeutet, dass viel von dem alten Fachwerk weg gemacht wurde und stattdessen gibt es jetzt riesige Fensterfronten, die regelmäßig von einer extra Firma geputzt werden. Das Glas ist so sauber, es ist als wäre es gar nicht da. Doch hier oben im zweiten Stock hätte ich ohne diese Scheiben Angst, einfach vom Dach gepustet zu werden. Die goldene Herbstsonne wärmt mich mit ihrem goldenen Licht, das in vielen kleinen Regenbögen an meinem Fenster gebrochen wird. Mein Fenster in die Welt und doch bin ich so weit weg.

Da draußen tanzen die bunten Blätter wild hin und her. Es muss stürmisch sein, und wahrscheinlich auch kalt. Durch meine an die Scheibe gepresste Hand kann ich die Kälte spüren. Merke, wie sie langsam meinen Arm hinauf wandert, eine Spur aus Gänsehaut hinter sich lässt und wie das Glas sich langsam aufwärmt. Meine Wärme trinkt. Wie schön es wäre, einfach durch das Glas gesogen zu werden. Ein bisschen wie Alice auf ihrem Weg ins Wunderland. Mich fallen zu lassen, aufzulösen und als abertausende Moleküle frei mit dem Wind um die Welt zu fliegen. Es gibt da draußen so viel zu sehen, zu erleben. Ich habe so einen Hunger auf die Welt. So eine Neugierde. So unendlich viel, dass ich erleben möchte. Fernweh beschreibt diesen Wunsch gar nicht genug. Es ist eine geradezu herzzerreißende Sehnsucht, nach etwas, dass ich gar nicht gut in Worte fassen kann. Ein mehr an Leben, ein mehr sein als ich es grade bin.

Ich schaue hinaus und sehe Schönheit und Wunder. Ich möchte durch das fallende Laub tanzen, Igel anschauen, Enten füttern und Kastanienmenschen bauen. Wenn der erste Schnee fällt, möchte ich mit offenem Mund eine Flocke fangen und auf meiner Zunge schmelzen lassen. Ich möchte den Tag über Schlitten fahren und dann durchgefroren nach Hause kommen und einen heißen Kakao trinken, Plätzchen backen und Wollsocken tragen. Und wenn die ersten Strahlen der Frühlingssonne die Welt wieder auftauen, möchte ich barfuß in den Garten laufen, die Knospen betrachten, das frische Gras unter meinen Füßen spüren und das Leben umarmen. Die Welt ist so voller Abenteuer. Das weiß ich, ich muss mich nur trauen. Und das ist manchmal schrecklich schwierig. Es ist, als würden sich zwei Stimmen sehr laut in mir streiten und sie wollen sehr, sehr unterschiedliche Dinge von mir.

Die eine Stimme möchte, dass ich in Sicherheit bleibe, hinter dem Fenster in meinem goldenen Käfig und mich nur an der theoretischen Schönheit der Welt erfreue, aber dabei immer nur beobachte. Die andere Stimme sagt mir, ich soll mich hinauswagen, die Welt fühlen und dabei nicht nur ihre Schönheit kennenlernen, sondern auch die hässlichen Seiten, das, was traurig macht und sogar weh tut, denn in der Welt liegen Leben und Tod so nah beieinander. Und am Ende kann man das Leben nicht erleben, wenn man behütet in einem Käfig bleibt. Und ich weiß, ihr meint es gut mit mir. Wollt nur mein Bestes. Ihr denkt, ihr könnt mir den Schmerz ersparen. All die unschönen Erfahrungen, die ihr machen müsstet, ihr könntet mich vor ihnen beschützen. Aber nur Worte, nur Sachen gesagt und erklärt bekommen, das ist nicht genug. Das ist kein Leben und ich will Leben. Und Leben heißt auch, dass manches weh tut. Doch nur, dadurch, durch die Traurigkeit, den Schmerz, das Gefühl etwas zu verlieren, kann man auch Schönheit und Glück fühlen und wirklich verstehen, was es bedeutet zu leben.

Foto: www.pixabay.com

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