Das Zimmer

von Jo E. Parker

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Der Raum ist dunkel. Es ist kaum etwas zu erkennen. Die Dunkelheit hat ihren schwarzen Mantel ausgebreitet und alles darin komplett eingehüllt. In dem Raum gibt es nicht viel. Ein Bett steht in einer Ecke, die Wände sind kahl und es gibt weder einen Schrank noch eine Tür. Nur ein kleines Fenster befindet sich am anderen Ende des Raumes. Dort draußen scheint die Sonne und der Himmel ist blau. Einzelne kleine Wolken hüpfen wie kleine Wattetupfer über das sanfte Blau des Himmels. Doch davon gelangt nichts ins Zimmer. Die Sonne streckt manchmal ihre Strahlen hinaus in die Welt, zu dem Fenster durch das Glas, um etwas Licht in die Schwärze zu bringen. Doch kaum durchbrechen die Strahlen das Glas, werden sie schwächer und kurz darauf werden sie von der Dunkelheit komplett verschluckt.

Es raschelte, etwas bewegte sich in der Leere. Ein Mädchen hockte auf dem Bett, mit dem Rücken zum Fenster, liegt ihr Blick stur auf der Wand vor ihr.

Das Fenster im Zimmer ist klein. Das Mädchen passt gerade so hin durch, doch es möchte nicht hinaus. Das Mädchen war schon lange nicht mehr draußen gewesen. Es hat längst vergessen, wie sich die warmen Strahlen der Sonne anfühlen. Es kennt nicht mehr das Gefühl von Gras unter den Füßen, die Kühle des Sees an einem heißen Sommernachmittag, den Geschmack von heißer Schokolade im kalten Winter. Es weiß nicht mehr, wie die Blumen im Frühling duften, noch kennt es die bunten Blätter des Herbstes. Und schon seit Ewigkeiten hatte es vergessen, wie sich Freude anfühlt. Solange es denken kann, sitzt es bereits in diesem Raum. Die Ketten halten es zurück. Manchmal hat es den Wunsch zu gehen. Dann springt es auf, um zum Fenster zu laufen und hinaus in die Sonne. Die Kletten klappern und erinnern das Mädchen mit kühler rasselnder Stimme, dass es gefangen ist.

Von draußen dringt das Zwitschern der Vögel in den Raum, das Lachen von Kindern. Hunde bellen fröhlich, Autos hupen, Kinder spielen und kreischen vor Freude. Doch das Mädchen kann nicht hinaus. Die Ketten halten es eisern fest.

Plötzlich klopft es sanft ans Fenster. Ein Kopf erscheint. Es ist ein Kind mit einem großen freundlichen Apfelgesicht, einer Stupsnase und einem breiten Lächeln auf den Lippen.

„Komm heraus!“, ruft es einladend. „Komm mit uns spielen.“ Zuerst dringt dies nur dumpf durch die Scheibe. Das Mädchen hört es kaum und dreht sich nicht herum. Dann wird das Klopfen lauter und beständiger. „Komm raus und spiel mit uns“, ruft das Kind fröhlich. Die Stimme wird immer lauter, sie durchschneidet die Schwärze. Plötzlich bricht die Dunkelheit auseinander, Sonne strahlt in den Raum und drängt die Dunkelheit in eine Ecke zurück.

Das Mädchen dreht sich herum und sieht in das Gesicht. Es begreift, dass dort draußen noch eine Welt ist außerhalb dieser trostlosen Leere. Es springt auf, es rüttelt und schüttelt an den eisernen Ketten und wirft diese schließlich ab. Die nackten Füße eilen hastig über den eiskalten Boden, rasch auf das Fenster zu. Und mit jedem Schritt wächst die Hoffnung, Hoffnung endlich hinaus zu können in die Welt außerhalb des Fensters. Das Gesicht lächelt fröhlich und streckt die Hand aus, bereit das Mädchen hinauszuziehen, sobald sich das Fenster öffnet. Das Mädchen ist bereits nah, fast ist es auf der anderen Seite. Es muss nur die Hand nach dem Griff ausstrecken, das Tor nach draußen öffnen und… Da bricht die Dunkelheit aus der Ecke hervor. Mit leiser Stimme flüstert sie dem Mädchen zu. Zweifel schleichen sich auf leisen Sohlen in den Kopf und ins Herz des Mädchens. So leise und sanft, wie die Stimme der Dunkelheit und doch immer beständig bei jedem Schritt. Noch drei Schritte bis zum Fenster. Das Mädchen bekommt Angst, Angst vor dem anderen Kind, Angst vor Draußen, Angst vor der Sonne. Noch zwei Schritte. Das Mädchen wird langsamer. Immer langsamer. Noch einen Schritt. Das Mädchen bleibt stehen. Und die Dunkelheit ergreift ihre Chance. Kalte Finger legen unbarmherzig um den dürren Körper. Bleischwer wiegen die Ketten, die es nun wieder an das Bett binden. Und mit einem kräftigem Ruck zieht die Dunkelheit es zurück. Das Mädchen fällt und die Dunkelheit schließt sich über ihr, verschlingt sie hungrig. Sie hat gewonnen und das Sonnenlicht verschwindet so schnell wie es gekommen war. Nun hüllt ein undurchdringlicher schwarzer Mantel den Raum ein.

Das Mädchen kehrt zurück zum Bett. Und das Kind am Fenster verschwindet. Alles ist so wie immer und doch ist nichts gleich. Denn das Mädchen ist neugierig. Trotz der Stimmen und der Zweifel hofft es eines Tages hinaus zu können, hinaus in diese seltsame, fremde und doch so vertraute Welt.

Foto: www.pixabay.com

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