Die Kunst des Nicht – Erlebens

von Luzie Welker / I. Platz /

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Während alle danach streben,
immer und immer mehr zu erleben,
bleibe ich heute hier.
Wie von selbst scrollen meine Finger durch Instagram
und obwohl ich genau weiß, dass es mir nicht guttut,
sehe ich mir all die perfekten Bilder an.

Kendall Jenner macht Urlaub auf den Malediven,
lässt LA hinter sich liegen,
und sieht dabei gut aus (wie immer),
irgendwie macht es das Ganze nur noch schlimmer.

Sogar meine Freundin Marie postete über ihren Fallschirmsprung,
und ein Video mit dem Titel „Ist der Sommer wirklich schon um?“
Und alle Bilder, die ich auf meinem Handy finde, sind von ihr:
„Heute bin ich wandern, essen, Freunde treffen, heute bin ich hier, hier, hier!“
Ich weiß, dass es Unsinn ist, mir selbst Druck zu machen,
doch scheinbar kann ich es einfach nicht lassen.

„Du lebst gerade die beste Zeit deines Lebens!“
Was soll ich auf diesen Spruch noch geben?
Wie soll ich die Gegenwart schätzen, wenn die Zukunft doch an uns hängt?
Wenn es heißt: „Weißt du schon, was du studieren willst?“
Und „Du weißt, dass der Gletscher immer weiter schmilzt?“

Hinter all dem steckt die Zeit, vor der wir uns irgendwie alle fürchten,
und eigentlich ja gar nicht richtig leben dürften,
und letzten Endes fühlen wir uns deshalb schlecht,
weil wenn wir doch genau wissen, dass es an uns hängt,
und dennoch alles in uns danach drängt
zu leben
…wird das der Welt dann nicht den Rest geben?

– Außerdem kann ich mir die Malediven nicht leisten,
und bei dem Gedanken an einen Fallschirmsprung wird mir ganz schlecht.

Um zwei Uhr nachts sehe ich mir also ihre endlosen Storys an,
kann mir endlich eingestehen,
dass es mich eifersüchtig macht zu sehen
wie sie leben,
während ich das Gefühl habe festzustecken,
mich in der Sicherheit meines Zimmers zu verstecken,
nur wegen dieser gottverdammten Angst nicht genug zu sein,
nicht genug für mich oder die ganze Welt

– für ein Foto auf den Malediven fehlt mir einfach das Geld.

Und eigentlich geht es mir ja gut,
aber in Englisch haben wir gelernt:
„Happiness is only real when shared.“
Und so weiß ich nicht, was ich fühlen kann, darf, soll,
ich weiß schon, euer Leben ist ja ach so toll,
und euer Glas ist nicht halb leer, sondern voll,
ich kann es nicht mehr hören.

Das Leben erleben ist wohl alles was wir wollen,
denn jeder möchte eine Geschichte zu erzählen haben,
ob gut oder schlecht – Hauptsache, sie klingt echt
und interessant.
Und dabei fällt es allzu leicht zu vergessen, was wirklich wahr ist.

Denn das sind nicht die Likes auf mein Selfie vor dem Eifelturm,
oder die Clips, die es in Maries Summer-Recap geschafft haben.
Und schon gar nicht sind es die Kardashians und ihr Malediven-Hype,
denn vermutlich gab es mindestens einen Streit,
und ich hoffe beinahe, dass das Rotweinglas umgefallen ist und wenigstens ein kleiner Fleck

– ein ganz kleiner Fleck – auf dem neuen Kleid daran erinnert,
dass der Urlaub eben nicht perfekt war.

Wirklich wahr, das ist das Laub im Herbst, das unter meinen Schritten zu Staub zerfällt,
oder die goldene Morgensonne, die den Himmel aufhellt,
wenn ich es endlich mal geschafft habe, morgens eine Runde laufen zu gehen.

Wirklich wahr ist, dass ich schon am nächsten Tag meinen Vorsatz aufgegeben habe,
und meine Laufschuhe langsam in einer Ecke verstauben,
und ich damit vollkommen okay bin,
denn manchmal darf man sich Scheitern auch erlauben.

Wirklich wahr ist, dass ich das Leben in seinen kleinsten Einzelheiten erleben möchte,
statt immer nach dem Größten, Besten, Außergewöhnlichsten zu streben.
Und dass wir das Glück an uns messen sollten,
denn warum müssen wir überhaupt etwas darauf geben,
ob Marie unser Bild gesehen hat oder nicht.
Denn klar, „Happiness is real when shared“,
aber wieso haben sie uns in Englisch nicht auch erklärt,
dass man ebenso gut allein und ohne Zeugen glücklich sein kann.

Die Kunst des Nicht – Erlebens
ist viel mehr die Kunst der kleinen Dinge,
die es vermögen uns den Sinn zu geben,
nach dem wir uns doch von Anfang an sehnen,
und die so unabhängig sind von der Zeit oder der Zukunft oder Instagramposts.

Das Kleine ist es, das zählt,
wenn man mit 18 endlich ein Kreuz setzt und wählt,
wählt für eine Zukunft, vor der man sich nicht fürchten muss.
Und das Kleine ist es auch, das uns freitags auf die Straßen treibt,
um alle spüren zu lassen: wir sind bereit
zu leben.

Die Kunst des Nicht – Erlebens.

Letztendlich hat sie die Macht uns den Druck zu nehmen.

– Heute bleibe ich zuhause und tue nichts,
denn die Malediven kann ich mir lange nicht leisten
und vor einem Fallschirmsprung hab ich einfach zu viel Schiss.

Foto: www.pixabay.com

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