Der Hurrikan

Der Fluss brüllte die ganze Nacht. Die riesigen Wasserwellen schlachten die Steine, die sich grob lärmend übereinander schieben.

Es ist regnet seit gestern. Pausenlos, bedrohlich, rüpelhaft.

Unser Dach ist aus Aluminium – Wellblech gebaut. Die Tropfen klingen wie Schüsse in den Ohren. Der Lärm ist unerträglich.

Wir haben gar nicht geschlafen. Mein Vater schaut alle 10 Minuten durch die Fenster. Auf den Feldweg läuft Wasser, als ob er ein Flüsschen wäre.

Ich kann durch die Fenster nichts deutlich sehen, nur das weglaufende Wasser, fleißiges, dass die Lichter der Lampen reflektiert.

Um 4 Uhr morgens sind wir aufgestanden und wieder schauen wir nach draußen. Das braune Wasser hat den ganzen Weg weggenommen und es zerrt kleine Steine mit sich, die unkontrolliert rollen. Der Fluss schreit in der Nähe, weint, brüllt, wie eine eingesperrte Bestie, die alle geraubten Länder wieder für sich reklamieren will.

Ich stehe neben dem Fenster und schaue in die Küche, mit dem Gefühl, einen Geist zu sehen. Ein dünner Wasserfaden läuft auf dem Boden auf mich zu.

In einer Sekunde ist das Wasser überall. Mein Bruder schläft und meine Mutter läuft los, um ihn zu holen. Mein Vater macht die Tür auf und mit erschrockenem Blick sieht er, wie unser Haus von Wasser umgeben ist.

Ist es ein Alptraum? Bin ich schon eingeschlafen? Mein Vater schreit; wir müssen sofort das Haus verlassen. Er nimmt meinen Bruder auf seine Schultern und in diesem Moment geht das Wasser schon bis zu unserer Taille.

Wir laufen auf den Hügel hinter unserem Haus zum Haus meines Onkels. Alles passiert so schnell, dass die Wirklichkeit vor meinen Augen wie eine Vision aufmarschiert; ein apokalyptisches Bibelzitat, das göttliche Rache verspricht.

Es ist fast unmöglich zu kämpfen. Wir sind mitten in einem großen Fluss, der mich mit Zorn von den Händen meines Vaters trennen möchte.

Meine ganze Familie ist jetzt auf dem Hügel: meine im 3. Monat schwangere Tante, meine Großeltern. Wir schauen uns im trüben Licht der Morgendämmerung an: ohne Schuhe, in Pyjamas, mit Lehm bis fast zu den Schultern. Wir wissen in diesem Moment nicht, dass diese Kleidung der einzige gerettete Besitz ist.

In dem schwachen Licht können wir sehen, wie unsere ganze Umgebung ein Fluss geworden ist; ein wütendes Meer, in dem alles verschwindet. Es gibt keine Straße mehr, keinen Fußballplatz, keinen Garten, keine Wiese, nur diesen verdammten Geruch nach klatschnasser Erde, durcheinander gemischte Erde, verfluchte Erde.

Bei Tagesanbruch bemerken wir die unrealistische Ausdehnung. Es gibt nur eine gigantische Wassermasse, die ohne Gnade mit riesigen Wellen und Wirbeln alles auf ihren Weg frisst.

Der Wasserstand ist fast auf der Höhe unseres Hausdaches. Die Wellen schlagen an die schwachen Dachbalken, wie Baumblätter, die fast losgelöst vom Wind sind.

Der Fluss steckt alles in seine Tasche: Hausdächer, Kühlschränke, Steine, Kühe, prähistorische Stämme, hundert Jahre alte Wurzelbäume. Ich sehe den alten, hellblauen Landrover von meinem Onkel, das vor uns lief, fast im Wasser verschwinden.

Die Bestie schlief für hundert Jahre und jetzt ist sie frei, ausgelöst, um ihr Land zu beanspruchen. Das ganze Flusstal gehört ihr. Die Kaffeeplantagen, das Dorf, die Kirche, die Schule, unser Haus, sind alles ihr Eigentum.

Um 11 Uhr sehen wir unser Holzhaus wie ein Papier, das gefaltet wurde, in einem Wasserwirbel versinken.

Der Fluss lief für Wochen durch unser Dorf. Meine ganze Familie verlor alles, Häuser, Haustiere, Kleidung, alle Erinnerungen.

Vor der Kirche fanden Leute später meines Onkels Kühlschrank. Wir haben Monate lang begrabene Sachen von anderen Menschen gefunden: Fernseher, Puppen, Hosen, Töpfe, Stühle. Spuren einer Katastrophe.

Meine Nägel waren tagelang voller Sand, mein Haar trocken wegen des Wassermangels, um zu baden, und meine Seele zerquetscht, löcherig, fast tot.

Als die Überflutung zurück ging, haben wir unser Fotoalbum im Sand vergraben gefunden. Ich habe nur ein paar beschädigte alte Fotos von mir und meinem Bruder. Auf einem posieren wir beide vor meines Omas Haus. Ich trage ihn in meinen Armen und einen gelben Rock, Hosenträger und schiefe Zähne.

Nach Monaten entschied der Fluss sein Bett zu wechseln. Das Dorf hat heute eine Narbe, die durch die Gegend mit Beschädigung mäandert, ein Drachen ohne Feuer, die Überreste einer Krake.

Mein Vater baute vier Jahre später ein neues Haus, am gleichen Ort, auf den Trümmern unseres früheren Lebens. Aber nichts ist gleich. Ich bin nicht der gleiche Mensch. Die Überflutung nahm unsere Ruhe weg, das schöne Gefühl des Regens, die ruhigen Träume der Nacht, die Hängebrücke, auf der ich und meine Cousinen spielten.

Heute gibt es neue Häuser, Wege, Leute, Gesichter, Gräber, Alpträume. Überall sind nur Zeichen unserer Bedeutungslosigkeit angesichts der Wut der Natur.

Foto: www.nacion.com

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