Du

Ich ziehe deine Visitenkarte unter meinem Kissen hervor und schau dir direkt in die Augen. Du lächelst mich an, ich lächle zurück. Deine Nummer kenne ich schon längst auswendig. Die Zahlen brennen in meinem Kopf. Nur den richtigen Grund, dich anzurufen, habe ich noch nicht. Ich sollte dich vergessen. Warum kann ich nicht aufhören, an dich zu denken? Was hält mich davon ab?

Deine zarte Finger, die eine Tasse Kaffee umklammern? Dein offenes Lachen, dass die anderen ansteckt? Dein goldenes Haar, das du unwillkürlich hinter die Schultern wirfst? Deine leise, zitternde Stimme, mit dem du deinen Vortrag hältst? Oder dein Goldanhänger, der im tiefen Ausschnitt deiner Bluse verloren geht?

Ich stecke deine Visitenkarte wieder unter das Kissen. Morgen. Morgen finde ich bestimmt einen Grund, dich anzurufen. Wir arbeiten doch im selben Bereich. Ich schließe die Augen. Ich muss jetzt schlafen.

Am nächsten Tag wache ich sehr früh auf. Heute soll ich pünktlich im Büro sein. Heute begrüßen wir eine neue Kollegin in unserem Team. Trotzdem komme ich zu spät. Warum stehen alle vor meinem Büro? Ich komme näher. Alle reden gleichzeitig und merken mich nicht. Ohne Begrüßung zwinge ich mich durch. Tom, der jüngste Kollege von uns, stößt mich in die Rippen.

“Du, Glückspilz!”, scherzt er arglos.

Ich verstehe null und ignoriere ihn. Endlich komme ich herein. Als erstes sehe ich das goldene Haar. Dann den tiefen Ausschnitt der Bluse. Und dann die grauen Augen, die mich anlächeln.

Mein Mund fühlt sich plötzlich trocken an. Ich taste nach meinem Kissen, aber es ist nicht da. Ich schlafe nicht. Die grauen Augen mustern mich immer noch, und ich starre zurück, wobei ich das Gefühl habe, nicht mehr atmen zu können. Mein Herz trommelt wie verrückt in meiner Brust und mein Hemd fühlt sich durchgeschwitzt an.

“Das ist unsere neue Mitarbeiterin Hanna”, höre ich jemandem sagen. “Sie wird eine Weile mit dir das Büro teilen.”

Mühsam wende ich meine Augen von ihren und fange an wieder zu atmen. Langsam. Ein und aus. Ein und aus. Keine Panik. Jetzt wird alles gut. Jetzt brauche ich keinen Grund mehr.

Foto: www.pixabay.com

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