Papa kochte

Mein Vater sagte immer, dass ÔÇ×das Essen Gott des VolkesÔÇť sei. Deswegen verbrachte er seine Zeit nach Feierabend und am Wochenende oft in der K├╝che. Und sch├Ąlte, hackte, schnitt, schreckte ab, d├Ąmpfte, r├Âstete, briet an … bis er uns drei Gerichte und einen Topf Suppe pr├Ąsentierte. Als wir a├čen, guckte er uns zufrieden an. Im Sommer trug er in der K├╝che eine kurze Hose und ein ├Ąrmelloses wei├čes Unterhemd, eine Sch├╝rze umgebunden und ein Handtuch ├╝ber seiner linken Schulter. Seine Stirn war voller Schwei├čperlen, die er ab und zu mit dem Tuch abwischte. Er lehnte die Hilfe meiner Mutter ab, weil ihr andauerndes Plappern ihn nicht nur qu├Ąlte, sondern auch die Harmonie in der K├╝che st├Ârte. Ich durfte ihm helfen, allerdings nur am Wochenende oder in den Ferien, wenn ich meine Hausaufgabe fertig gemacht hatte.

Mein Vater kam urspr├╝nglich aus Peking und bevorzugte Mehlspeisen, ged├Ąmpftes Brot, Nudeln, Teigtaschen, anstatt Reis. Wenn er Reis a├č, hatte er in der Nacht Hunger und suchte in der Dunkelheit H├Ąppchen im K├╝hlschrank. In der K├╝che lag seine Ausr├╝stung f├╝rs Kochen ordentlich: ein Meter langes und halben Meter breites Brett aus Holz, zwei Hackbretter aus einem Baumstumpf, drei Nudelh├Âlzer in unterschiedlichen L├Ąngen und eine riesige Eisenpfanne. Damit fertigte er mein Lieblingsessen, Potstickers. Dabei half ich ihm oft.

Potsticker hei├čt ÔÇ×GuotieÔÇť auf Chinesisch, eine Variante der Teigtasche. Vor der Zubereitung erkl├Ąrte mir mein Vater, ÔÇ×Nachdenken vor HandelnÔÇť, weil das Kochen Zeiteffizienz und viel Kopfarbeit ben├Âtigte, als er mir ein Tuch als Sch├╝rze band. Zuerst sch├╝ttete mein Vater Mehl in eine Sch├╝ssel aus Edelstahl und r├╝hrte das lauwarme Wasser hinein. Nach f├╝nf bis siebenmin├╝tigem Kneten war der Teig glatt, fest und elastisch. Er deckte die Sch├╝ssel mit einem feuchten Geschirrtuch ab und lie├č ihn eine gute Stunde ruhen. W├Ąhrenddessen bereitete er die F├╝llung vor.

Er schlug f├╝nf Eier in eine Sch├╝ssel, verr├╝hrte sie, briet sie an und lie├č sie k├╝hlen. Ich hatte schon Schnittknoblauch, Ingwer und Fr├╝hlingszwiebel gewaschen. Er hackte sie fein, h├Ąufte sie in eine Sch├╝ssel und w├╝rzte sie mit Sojaso├če, Sesam├Âl, Salz und Pfeffer. Ich sollte sie gut umr├╝hren.

Danach brachte mein Vater das Holzbrett. Einen richtigen Teigmantel herzustellen war laut ihm am wichtigsten. Er streute Mehl auf das Brett, nahm ein St├╝ck Teig, knetete es in die Form einer Schlange und schnitt sie in St├╝ckchen. Ich presste jeden Teigling mit meiner Handfl├Ąche flach. Er rollte ihn von au├čen nach innen mit dem Nudelholz in seiner rechten Hand, drehte ihn mit der linken Hand. So blieb der Teigling in der Mitte ein wenig dicker, was das F├╝llen erleichterte, betonte er. Ich nahm ein kleines Nudelholz und machte die Bewegung nach.

Vor dem Einwickeln kippte er die ger├╝hrten Eier in die Sch├╝ssel zusammen mit der Schnittknoblauchmischung, goss zwei Teel├Âffel Sesam├Âl dar├╝ber und r├╝hrte sie mit Essst├Ąbchen um. Eine Teigtasche in seiner offenen linken Hand, brachte er einen geh├Ąuften Teel├Âffel von der F├╝llung in dessen Mitte und klappte die beiden H├Ąlften zusammen, wie ein Faltenrock. Nat├╝rlich ahmte ich ihn nach. Nach einer Weile reihten sich Potsticker aneinander auf dem Brett wie kleine wei├če K├Ąhne im Hafen. Als das Brett voll war, stellte mein Vater die Eisenpfanne auf den Gasherd. Wenn das Fett in der Pfanne hei├č war, legte er Potsticker hintereinander hinein. Es zischte, Potstickers wurden sch├Ân goldbraun. Dann goss mein Vater kaltes Wasser in die Pfanne bis zur H├Âhe der Potstickers und deckte sie zu. ÔÇ×Lasse sie d├╝nstenÔÇť, sagte mein Vater.

Jetzt war die Zeit, die So├če zu machen. Dazu brauchte mein Vater Chiliflocken und Sesamsamen. Er erhitzte das Raps├Âl, bis es ganz leicht zu rauchen anfing, dann nahm er es sofort vom Herd weg. Als er es in kleinen Portionen in die kleine Sch├╝ssel von Chiliflocken und Sesamsamen goss, zischte es laut und brodelte. Ein appetitanregendes Aroma erf├╝llte den Raum. Ich mischte Sojaso├če, Essig und Sesam├Âl in einer kleinen Sch├╝ssel und mein Vater nahm einen Teel├Âffel von dem frisch gemachten Chili ├ľl in die So├če. In diesem Moment waren die Potstickers fertig und mein Vater hob sie mit einem Pfannenwender heraus. Er musste vorsichtig sein, weil sie an der Pfanne festklebten. Er drehte sie um und legte ihre goldbraunen Seiten oben auf einen Teller. Ich rief alle zum Tisch. Ein bisschen So├če auf einen Potsticker, dann biss ich in die Spitze, knusprig, saftig, herrlich.

Nachdem ich wegen der Arbeit nach Peking gezogen war, kam ich selten nach Hause. Ich kochte selten. In meinem K├╝hlschrank lagen einige Fertigprodukte. Meine Kollegen/innen und ich besuchten Restaurants fast jeden Tag. Wenn ich meine Eltern einmal pro Jahr besuchte, kochte mein Vater Potstickers besonders f├╝r mich. Jahre sp├Ąter war ich verheiratet und dann schwanger. Mein Vater rief mich an und erinnerte mich, dass ich kochen sollte, weil das ges├╝nder f├╝r mich und das Baby w├Ąre. Ich kaufte mir alle Ger├Ąte wie die meines Vaters, Holzbrett, Nudelholz. Aber die schwere Eisenpfanne war nirgendwo zu finden. Trotzdem kochte ich selten. Mein Mann und ich gingen regelm├Ą├čig ins Restaurant. Zwei Monate vor der Geburt rief meine Mutter um Mitternacht an und teilte mir mit, dass mein Vater in dieser Nacht an einem Herzinfarkt gestorben war. Er war 61 Jahre alt. Ich war benommen, kaufte mir ein Ticket am fr├╝hen Morgen und flog nach Hause.

Nach der Beerdigung gab mir meine Mutter zwei Kochb├╝cher und sagte mir, dass mein Vater wollte, dass ich sie benutze. Er hatte sie oft gelesen. Ich steckte sie in meinen Koffer und stellte sie auf das B├╝cherregal zu Hause. Nachdem ich China verlassen hatte, fing ich an, chinesisches Essen zu kochen. Ich fand die B├╝cher und bl├Ątterte die Seiten durch, die gut nach Knoblauch, Raps├Âl und Schwei├č rochen, am Rand waren einige Seiten mit Anmerkung in seiner kleinen Schrift ├╝bers├Ąt.

Ich kochte Potstickers, als ob mein Vater neben mir am Herd stand. ÔÇ×Nachdenken vor HandelnÔÇť. ÔÇ×Es ist wichtig, Mehl mit warmem Wasser zu mischen. In der Mitte soll die Teigtasche dick sein.ÔÇť

Durch das Kochen der Potstickers fand ich ein St├╝ck meines Vaters in mir. Er hatte einen Samen in mir eingepflanzt. Das Kochen ist ein Weg, ihm nahe zu sein und ÔÇ×das Essen ist Gott f├╝r uns alleÔÇť, wie er sagte.

ÔÇ×Mama, meine Freundin kommt morgen zu Besuch. Kannst du bitte Potstickers kochen?ÔÇť, fragte mich meine Tochter. ÔÇ×Nat├╝rlich, vorausgesetzt, dass ihr mir dabei helftÔÇť, sagte ich.

Foto: www.pixabay.com

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