Babys Design

Meine Nachbarin war schwanger. Fast jeden Morgen gegen zehn Uhr traf ich sie und ihre kleine Tochter am Schwimmbad. Sie trug einen pastellgelben Bikini. Außer ihrem leicht hervorstehenden Bauch konnte ich kaum merken, dass sie schwanger war. Schlanker Körper, lange Beine und kurze Haare. Sie schwamm langsam eine Runde, kletterte aus dem Wasser, nahm ihr Tuch, spazierte herum am Schwimmbad und trocknete sich ab. Ihre Schritte waren leicht und agil. Dann lag sie auf der Liege, hielt ein Buch in einer Hand und beobachtete ab und zu ihre Tochter, die im Kinderpool spielte. Sie war ein sĂŒĂŸes MĂ€dchen, ein Jahr oder anderthalb, blonde lockige Haare. Sie trug nur eine kurze Hose und ihre Haut war von der Sonne gebrĂ€unt. Die Sonne strahlte durch die Dattelpalme auf die beiden. Sie legte das Buch auf dem Bauch und streckte sich, ein privilegiertes Faulenzen einer werdenden Mutter.

„In welchem Monat bist du?“, fragte ich sie.
„Im 5. Monat“, antwortete sie, ihre Mundwinkel zogen nach oben und ihre Augen glĂ€nzten.
„Ein Junge oder ein MĂ€dchen?“
„Ein Junge. Mein Mann und ich haben vor, ein MĂ€dchen und einen Jungen zu haben“, sagte sie mir und legte ihre rechte Hand zĂ€rtlich auf ihren Bauch.

Ihr Bauch wurde runder und runder. Wir begrĂŒĂŸten einander mĂŒtterlich. Nach einer Weile stieß ich auf sie auf einer Party. Ihr Bauch war flach. In ihrem kurzen schwarzen Abendkleid sah ich keine Spur der Schwangerschaft.
„Herzlichen GlĂŒckwunsch zur Geburt. Du siehst gut aus“, sagte ich und war ein bisschen neidisch auf ihre Figur.
„Nein, das Baby war tot. Es stellte sich heraus, dass es an Downsyndrom erkrankt war. Der Arzt hat eine Abtreibung vorgenommen“.
„Tut mir so leid“, murmelte ich und suchte Worte, um sie zu trösten. Ich war so geschockt, dass ich keine Worte finden konnte.
„Das macht nichts. Bei der kĂŒnstlichen Befruchtung hat der Arzt zu spĂ€t diesen Fehler gefunden. NĂ€chsten Monat fangen wir wieder an, einen perfekten Jungen zu machen“, tröstete sie mich.

Ihr Mann kam herĂŒber und fĂŒhrte sie zum Tanzen. Er war hĂŒbsch mit gut trainiertem Körper. Die beiden waren gute TĂ€nzer. Sie schwebte mit ihm, ihre schmalen und langen HĂ€nde an den Schultern ihres Mannes festhaltend, wie der kletternde Efeu an einem Baum. Ein perfektes Ehepaar.

Sie wurde wieder schwanger. Der Prozess wiederholte sich. Ihr Bauch wurde Woche nach Woche runder. Sie trug denselben pastellgelben Bikini und ihre Tochter spielte im Kinderpool. Nach dem Schwimmen zogen die beiden ein weißes Kleid an. Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und beide gingen zusammen nach Hause, leicht und agil.

Die Zeit verging schnell. Eines Tages war sie mit einem Kinderwagen am Schwimmbad. Ein Baby schlief darin. Seine Schwester spielte im Pool und war groß geworden. Sie lief ab und zu zu ihrem Bruder und wollte ihn kĂŒssen. Aber ihre Mutter ließ sie nicht. Sie war wieder schlank, ohne ĂŒberhaupt eine Spur der Schwangerschaft. Dieses Mal hatte sie einen weißen Bikini an.

Ich tauchte ins Wasser und dachte an das tote Baby, das nicht perfekt gewesen war. Ich schwamm in einem Zug ohne Atmen. Als ich aus dem Wasser sprang, sah ich den blauen Himmel ĂŒber mir.

Foto: www.pixabay.com

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