Sehnsucht nach dem Leben

von Sophia Rieger / III. Platz /

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 f├╝r Jugendliche

Sehnsucht nach leben.
Nach Zeit zu genie├čen
Und danach, Dinge zu erleben.
Danach, meiner Familie etwas zur├╝ckzugeben
Und danach, Probleme zu beheben.
Danach, Menschen zu vergeben.
Und nach dem Gef├╝hl zu schweben.

Denn wie ich hier so sitze und schreibe vom Leben, mir vorstelle, aus voller Kraft Lieder zu singen und zu leiser Musik zu tanzen, so w├╝rde auch ich gerne wirklich leben.
Nicht nur mir in Tr├Ąumen vorzustellen, wie mein Leben aussehen k├Ânnte, wen ich lieben und von wem ich mich vielleicht abgrenzen w├╝rde. Nein, ich m├Âchte auch im hier und jetzt sein, keine Angst haben, mich zu zeigen. Nicht immer den Druck haben, mich zu beweisen.

Denn ich habe Sehnsucht nach dem Leben. Nach Gl├╝ck, Hoffnung und Euphorie. Nach Trauer, Schmerz und Zorn. Jedes Gef├╝hl ist mir recht, solange es die Leere in mir ersetzt. Solange ich mich nicht mehr vor der Realit├Ąt verschlie├če und anfange, das Leben mehr zu genie├čen. Denn das w├Ąre mit Sicherheit sch├Âner, als st├Ąndig vor mir selbst zu fliehen. Diese Hoffnung habe ich zumindest und trage sie irgendwo tief in mir.

Mein Leben spielt sich zur Zeit immer gleich ab. In Endlosschleife. Aufstehen. Zur Schule gehen. Den Unterricht m├╝hsam ├╝berstehen. Nach Hause kommen. Mich mit einem Buch oder einem Film ablenken. Ganz gleich was, egal welche Geschichte. Denn jede l├Ądt dazu ein, mich nicht mit meinem eigenen Leben auseinandersetzen zu m├╝ssen. Mit den Gedanken, die mich den ganzen Tag begleiten und von denen ich mir Abstand w├╝nsche.
Dann vielleicht etwas essen, weil ich es ja muss. Hausaufgaben. Schlafen gehen. Doch Schlaf find ich keinen. Zu viel bin ich dann doch mit meinen Problemen, Sorgen und ├ängsten besch├Ąftigt, von denen ich mich ja eigentlich versuche abzulenken. Mit Musik zum Beispiel oder einem H├Ârbuch. Doch nichts hilft. Und nachts um drei weine ich mich dann letztendlich in den Schlaf. Drei Stunden habe ich nun Ruhe. Dann f├Ąngt mein Grauen wieder von vorne an. Ein neuer Tag, doch nie ein neues Gl├╝ck.

Jeden Tag stets bedacht, nicht so viel an meine Realit├Ąt denken zu m├╝ssen. Denn das Leben ist sch├Ân, ich wei├č es ja, ich k├Ânnte frei und fr├Âhlich sein. H├Ątte ich nicht so gro├če Angst. Bef├Ąnden sich da nicht so viele Sorgen. Um heute, aber auch um ├╝ber├╝bermorgen. Deshalb lenke ich mich auch so gerne mit B├╝chern ab. Steigere mich in fremde Geschichten hinein. Stelle mir vor, ich k├Ânnte diese Person sein. Ich h├Ątte den Mut, etwas zu wagen. Und w├╝rde meine Zeit nicht damit verschwenden, mein Leben zu beklagen. Ich k├Ânnte sogar frei weinen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich w├╝rde leben, anstatt auf mein Leben zu warten.

Und wie so oft sitze ich auch jetzt hier und frage mich, wieso ich dann nicht jetzt anfange, mein Leben in die Hand zu nehmen, wenn ich davon tr├Ąume und mir w├╝nsche, es zu ver├Ąndern, wie ich es in zahlreichen Geschichten lese. Wieso ich nicht aus meinem monotonen, verdr├Ąngenden Alltag und meinen teilweise kranken Angewohnheiten ausbreche. Denn dann w├Ąre ich viel gl├╝cklicher. Ich denke mir, wenn ich das schon erkenne, wenn ich erkenne, dass ich leben und nicht nur existieren will, dann kann ich es auch schaffen. Denn ja, ich sehne mich nach dem Leben.

Doch klingt das leichter, als es ist. Denn ich habe schon einmal das Leben erlebt. Voller Schmerz, Krankheit und Leid. Voller Hass zu mir selbst und dieser Wirklichkeit. So habe ich angefangen zu verdr├Ąngen, mich von mir selbst abzuwenden. Aus Angst, wieder an diesen Punkt zu gelangen.

Doch es ist nichts als Leere, die dadurch bleibt. Und so will ich auch nicht leben bis in die Ewigkeit. Trotz Angst glaube ich, ich bin selbst f├╝r Schmerz jetzt bereit. Denn gegen Leere ist alles, was in mir schreit. Ich brauche einfach nur mehr Zeit.

Weil ein neues Leben, das ich erleben kann, kommt nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, den ich ganz bewusst wahrnehmen m├Âchte. Erleben m├Âchte. Jeden Tag aufs Neue. Mit R├╝ckschritten und Erfolgen. Zu lernen, mich selbst zu erkennen und zu verstehen. Auch den Mut zu haben, Fehler zu begehen.

Dann sehne ich mich nicht mehr nach dem Leben,
denn dann kann ich es wirklich erleben.

Foto: www.pixabay.com

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