Türkische Ferien

Als meine Freundin Mascha ganz spontan vorschlug, ein paar Tage im Mai an der Küste zu verbringen, dachte ich nicht so lange darüber nach. Bald saßen wir in einem Reisebüro. Vier Tage. Türkei, Antalya. Ich war sehr gespannt, weil ich das Meer im Sommer noch nie gesehen hatte. 

Vorbereitungen. Flughafen. Zwei kleine “Jägermeister”, um sich nicht zu langweilen. Flug. Nach drei Stunden landeten wir in Antalya. Vor dem Flughafen begrüßte uns eine Reiseleiterin.

“Alkohol ist im Bus verboten”, sagte sie in Richtung, wo ich und Mascha saßen.

“Na, klar”, sagten wir, aber nahmen noch einige Schlucke, als sie sich umdrehte.

“Schau mal, da ist das Meer!”, sagte ich Mascha.

 “Nicht erstaunlich. Lass mich bitte in Ruhe, ich will schlafen”, antwortete sie.

Das Meer, dachte ich, wie schön es sein könnte. Ich traue meinen Augen nicht. Ein blauer Himmel verwandelte sich allmählich ins türkisfarbene Meer. Keine Grenzen dazwischen.

Im Hotel erwarteten uns noch zwei Freundinnen, die von einer anderen Stadt angekommen waren. Sie sahen unzufrieden aus. Das Hotel wurde gerade renoviert. Lärm. Staub. Beschwerden beim Reiseveranstalter. Uns wurde ein anderes Hotel angeboten, aber nur ab morgen. Da wir nur vier Tagen hatten, entschieden wir uns, dort zu bleiben. Schließlich hatte das Hotel fünf Sterne und lag am Strand.

Am ersten Nachmittag fuhren die Mädels zur türkischen Sauna, ich blieb, um am Strand zu lümmeln. Der Liegestuhl erlaubte das mit maximalem Komfort. Ich schloss die Augen. Das Geräusch des Meeres brachte mich in die Meditation. Die Welt und die Routine existierten nicht mehr. Als ich die Augen öffnete, ging die Sonne unter. Ich ging gemächlichen Schrittes auf das Wasser zu. Mit nackten Füßen stand ich knöcheltief im Wasser, während die Wellen mit Küstensteinen spielten.

Das Meer.

Es gab wenig Touristen. Der Saisonstart. Ab und zu tauchten zwar neue auf, aber alle waren von unterschiedlichem Alter und Geschlecht. Es schien, dass nichts uns alle verbinden könnte. Ich fand etwas: Alle befanden sich im Hotel, um sich vom Alltag zu erholen. Es war klar, dass es allen egal war, wie sie aussahen und was sie trugen.

Zwei Jungs kamen zu uns, um uns kennenzulernen. Wir verbrachten die Tage zusammen. Ihre Mütter fragten uns sogar, wenn sie nach ihren Söhnen suchten.

Diese 14-jährigen Jungen waren nett und höflich.

“Ich unterhalte mich mit Freundinnen meiner Schwester, die 18 Jahre alt sind”, sagte einer stolz.

Danke für das Kompliment, aber ich bin 26 Jahre alt und will nicht in Gefängnis, dachte ich.

“Könntest du mir bitte die Sonnencreme auf den Rücken auftragen?”, fragte mich ein Junge einmal.

“Ja, natürlich”, sagte ich. Sehr interessant, wie viel sie hier dafür geben, Minderjährige zu verführen?

Da alles seinen Anfang und sein Ende hat, kam die Zeit für uns nach Hause zurückzukehren. Ich war froh. Von den Wellen wurden wir seekrank. Von der Sonne bekamen wir Sonnenbrände. Das alles abgesehen von langen Tagen und kurzen Nächten.

Wir warteten im Zentrum der Lobby auf unsere Reiseleiterin und unseren Bus, wie einige andere. Unsere neuen kleinen Freunde, die länger blieben, kamen, um uns zu verabschieden.  Die Lobby des Hotels war recht geräumig. Hohe Decke und Glastüren. Ich beobachtete Leute, die mit Koffern hin und her huschten. Die Abreisenden wurden von Begleitpersonen abgeholt. Draußen schien die helle Sonne, drinnen war es etwas dunkel. Wer also das Hotel betrat, wirkte wie ein dunkler Fleck.

“Schau mal”, sagte ich Mascha, “es sieht aus, als ob der Tod diese Menschen zu Gott bringen würde. Und bald kommt er zu uns”.

“Dummheit! Wie kannst du diese blöden Worte sagen. Wir müssen noch nach Hause fliegen!”

“Es war nur ein Witz, nichts mehr”.

Der Flughafen war sehr voll von Abreisenden. Zuspätkommende baten Wartende, sie nach vorne zu lassen, weil ihr Flugzeug bald abhob. Mancher ließ es stillschweigend zu, mancher blockierte den Durchgang. Streiten. Schreien. Russisch. Englisch. Deutsch. Türkisch.

Endlich. Das Flugzeug. Die Startbahn. Die Beschleunigung. Der Flug. Das Zittern.

Wir fliegen. So soll sein, beruhigte ich mich selber. Das Zittern endete nicht. Omg, warum bin ich in die Türkei geflogen. Ich hätte ohne die Türkei weiterleben können und was jetzt? Ich sterbe irgendwo im Schwarze Meer? Es müsste so nicht enden. Mascha zeigte mir irgendwelche Fotos auf ihrem Handy und erzählte irgendwelche Geschichten. Warum ist sie so ruhig? Ich dachte, sie versuchte, mich abzulenken. Später gab sie zu, dass sie das für sich gemacht hatte.

“Sehr geehrte Damen und Herren. Wir fliegen über das Schwarze Meer und das Gewitter beginnt. In ein paar Minuten hört das Flugzeug auf zu zittern”, sagte der Kapitän.

“Mascha, ich entschuldige mich für meine Worte. Ich werde nicht mehr so scherzen”, sagte ich.

Sobald das Fahrwerk den Boden in unserer Stadt berührte und das Flugzeug langsamer wurde, flossen mir die Tränen über die Wangen.

“War es ok?”, fragte ich die Flugbegleiterinnen, die neben uns standen.

“Was war ok?”

“Unser Flug!”

“Oh ja, das war der ganz normale Flug. Vielleicht sind Sie noch nicht während eines Gewitters geflogen. Da ist das echte Zittern”.

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte keine Lust mehr, in die Türkei zu fliegen.

Foto: www.pixabay.com

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