Das Schmuckkästchen

von Seila González

Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich zum Geburtstag ein helles, rotes Päckchen mit silbernem Glitzern und einer goldenen Schlaufe darauf. Als ich es auspackte, entdeckte ich einen Goldring, auf dem mein Name stand. Meine Augen leuchteten: Das war das erste Schmuckstück, das ich besaß. Ich probierte ihn an und er passte. Als ich den Ring genau betrachtete, bekam ich Angst, dass so was Schönes verloren gehen könnte. Daher bot mir meine Mama an, dass wir den Ring in ihrem Schmuckkästchen aufbewahren könnten und ich ihn zu besonderen Gelegenheiten tragen würde. Ich fand diese Lösung ganz gut. Wir sind zusammen in ihr Zimmer gegangen. Dort, mitten auf der Kommode stand das Schmuckkästchen: Es hatte die Form eines Klaviers, bestand aus glänzendem dunklem Holz und hatte einen Kirschbaum aus roter Farbe darauf. Die Standbeine waren aus vergoldetem Metall und wenn man das goldene Schloss aufmachte, konnte man eine Balletttänzerin sich zu dem Lied „Für Elisa“ drehen sehen. Die Balletttänzerin trug ein weißes Tutu, hatte ihre braunen Haare zu einem Haarknoten gebunden und man konnte sogar auf ihrem detaillierten Gesicht rote Lippen und braune Augen erkennen. Die Füße trugen weiße Ballettschuhe mit weißen Bändern. Sie tanzte auf einer Bühne aus Samt, der die verschiedenen Schmuckfächer bedeckte. Hinter ihr stand ein kleiner Spiegel, in dem man sie und sich selbst anschauen konnte.

Meine Mutter besaß gar nicht viel Schmuck. Sie liebte vor allem Ohrringe und hatte drei Paare da. Wir fanden einen Platz für meinen Ring und die Balletttänzerin verabschiedete sich langsam, als wir das Kästchen zumachten.

Immer wieder holten wir zusammen den Ring heraus und ich durfte die Balletttänzerin begrüßen.

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Mit zwölf Jahren bekam ich mein zweites Schmuckstück, wieder von meinen Eltern: In einem dunkelroten Päckchen mit goldener Schrift darauf sah ich einen goldenen Ring mit zwei winzigen roten Rubinen, verbunden im Zeichen der Unendlichkeit. Wie sechs Jahre zuvor fand ich das Stück zu wertvoll für den Alltag und es wurde wieder in das Schmuckkästchen meiner Mutter aufbewahrt. Das Kästchen befand sich nicht mehr in der Mitte der Kommode im Schlafzimmer der Eltern, sondern auf der Seite. Die Balletttänzerin sah immer noch so aus, als sei sie gerade dahingestellt worden. Die Musik lief, während ich mehrere Ohrringe meiner Mutter betrachtete und den Ring auf seinen Platz stellte.

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Ich war achtzehn Jahre alt, als ich die Wohnung meinen Eltern verlassen wollte. Ich zog in eine andere Stadt zum Studieren und packte meine Sachen ein. Als ich an meinen Schmuck dachte, entschied ich mich, nur die billigen Sachen mitzunehmen. Die goldenen Ringe wären bei meinen Eltern besser aufgehoben. Ich wollte sie ja besuchen und konnte dann, wenn ich dort wäre, die Ringe tragen.

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Nach dem Studium sammelte ich Berufserfahrung und mit vierundzwanzig entschloss ich mich, nach Deutschland auszuwandern. Daher packte ich die wichtigsten Sachen ein, da ich erst nur mit einem vollen Koffer fliegen konnte. Dieses Mal nahm ich meine zwei Ringe mit. Dafür ging ich ins Elternzimmer. Sie hatten ein neues Regal gekauft und dort stand jetzt das Schmuckkästchen. Von außen konnte man einige Kratzer sehen, das Schloss war nicht mehr vollständig. Wenn man es aufmachte, lief die Musik langsamer als vorher und die Balletttänzerin stand nicht mehr von alleine. Sie war mit Klebeband befestigt. Ihr Gesicht war kaum noch zu erkennen und hinter ihr stand nur ein blinder Spiegel. Die Ohrringe meiner Mutter waren nicht mehr da. Ich nahm meine Ringe mit und dachte an die Zeit, als ich sie bekommen hatte.

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Ich besuchte meine Familie zu meinem dreißigsten Geburtstag. Ich war schwanger und wollte sie vor der Geburt noch sehen. Ich hatte die Familie seit Monaten nicht mehr umarmt und vermisste sie, vor allem meine Eltern. In unseren Online-Gesprächen hatte ich erkennen können, dass sie alterten. Als ich mich für das Feiern fertig machte und meine Ringe anzog, dachte an das Schmuckkästchen. Es war nicht mehr da.

Als Geburtstagsgeschenk bekam ich ein etwas größeres rotes Päckchen mit einer goldenen Schlaufe darauf: Das reparierte Schmuckkästchen war darin. Meine Mutter wusste, wie sehr ich es gemocht habe und hatte es reparieren lassen. Das Kästchen sah von außen aus wie neu: Das Holz war lackiert worden, der Kirschbaum frisch bemalt und ein neues Schloss angebracht. Wenn man das Kästchen aufmachte, konnte man die gleiche Musik hören wie damals vor 24 Jahren. Die Balletttänzerin sah wieder wunderschön aus: Auf ihrem Gesicht konnte man wieder die roten Lippen und die braunen Augen erkennen und sie musste nicht mehr auf Klebeband tanzen. Sie war wieder eingeschraubt und drehte sich vor einem neuen Spiegel, der meinen weinenden Blick zeigte.

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Ich bin sechsunddreißig Jahre alt und meine Tochter feiert heute ihren sechsten Geburtstag. Ganz liebevoll habe ich für sie das Geschenk eingepackt und bin selbst so aufgeregt wie sie.

Als sie das rote Päckchen mit silberner Schlaufe auspackt, leuchten ihre Augen. Sie schaut die goldene Kette an, auf der ihr Name steht. Sie nimmt es vorsichtig in ihre Händchen und probiert es gleich an. Nach einer Zeit möchte sie lieber die Kette aufbewahren lassen und erst für die Party tragen, und wir gehen zusammen ins Schlafzimmer. Dort, mitten auf meiner Kommode steht das Schmuckkästchen. Die Balletttänzerin begrüßt uns mit ihrem Tanz zu dem Lied „Für Elisa“ und wir legen die Kette auf den gleichen Platz, die meine Ringe jahrelang besetzt hatten.

Foto: Seila González

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