Unter der Erde

Es ist acht Uhr. Ich ziehe meine Schlafmaske langsam herunter. Die Sonne strahlt in das Schlafzimmer hinein. Meine Augen müssen sich noch ans Licht gewöhnen. Ich bin bestimmt kein Morgenmensch. Ich wecke aufgeregt meinen Freund: „Steh auf! Wir müssen los. Ich habe Mama versprochen, dass heute ich mit Frenk Gassi gehe, weil sie bis zum Abend arbeiten muss.“ Beim Auszug hatte ich meiner Mutter versprochen, dass ich ihr mit dem Hund helfe.
Vor 13 Jahren wollte ich unbedingt einen Hund haben. Er hat helle goldbraune Haare, große, braune Augen und ist kleiner als ein Bügeleisen. Wenn wir spazieren gehen, muss ich ihn in meinem Arm tragen, weil seine Beine so kurz sind. Jeden Tag hinauf und herunter in die vierte Etage wäre für ihn zu belastend. Mutter, die nie ein Kleintier wollte, fing sofort an, Frenk zu lieben. Zu meinem Glück hilft sie mir jedes Mal, wenn ich zu faul bin, mich um den Hund zu kümmern. Wer hätte das gedacht, dass ein Hund eine so große Verantwortung ist?

Frenk hat eine sensible, feine Persönlichkeit, er mag keine wilden Hunde, die um ihn herumlaufen. Seine einzige Freundin wohnt in dem Haus nebenan. Sie ist auch ein Pekinese wie Frenk. Jedes Mal, wenn wir an ihrem Balkon vorbeigehen, steckt sie ihre Nase durch die Öffnung und starrt uns an. Frenk schaut sie auch an, obwohl er nicht besonders viel Interesse an Hündinnen zeigt. Als wir versuchen, ihn mit einer Hündin zu decken, scheitern wir. Anscheinend ist Frenk für eine Vermählung noch nicht bereit.


Er ist noch ganz klein, als der Tierarzt feststellt, dass Frenk an Epilepsie leidet. Er muss sein ganzes Leben lang Medikamente nehmen. Er wird zweimal an seiner Hüfte operiert und bekommt Vitamine für seine Gelenke. Seit einer Weile hat er auch mit seinem Herz ein Problem. Manchmal, wenn wir Gassi gehen, fällt er wie ein Säckchen um. Wir nehmen ihn in unsere Hand und reiben seinen kleinen Körper, damit er wieder zu Bewusstsein kommt. Er pinkelt manchmal in die Wohnung, aber wir schimpfen nicht mehr.

Wenn wir heute nicht schnell losfahren, wird er wieder in die Wohnung pinkeln. Manchmal denke ich daran, dass ihm nur wenig Zeit übrigbleibt. Und ich bin immer noch nicht fähig, mich rechtzeitig zusammenzureißen und zu ihm zu fahren.
Als wir in die Wohnung eintreten, schläft er an seinem Lieblingsplatz, vor dem Kühlschrank, im Flur. Er wacht nicht auf, als wir hereinkommen. Vielleicht hört er uns nicht, auch seine Ohren funktionieren nicht mehr gut. Als ich mich ihm nähere, läuft ein komisches Gefühl durch meinen Körper. Ich berühre ihn ängstlich. Sein Körper ist wie ein Stein. Hart und leer, zeigt keine Lebenszeichen. Ich schreie auf und fange an zu weinen. „Er ist gestorben“, schreie ich meinen Freund an. „Er lebt nicht mehr.“ Ich laufe ins Wohnzimmer, gehe auf und ab, wage es nicht mehr, den Flur zu betreten und meinen toten Hund anzuschauen. Mein Freund tröstet mich, während ich meine Mutter anrufe. Mutters Stimme ist trauervoll und leise. Sie wusste schon, dass es bald passieren wird. Ich weiß, dass sie sich in ihrer tiefen Traurigkeit auch ein wenig erleichtert fühlt. Es ist viel Aufwand, für einen alten, kranken Hund zu sorgen.

Ich decke den Hund mit dem gelben Handtuch zu, auf dem er immer gerne lag und bespreche mit meiner Mutter, dass ich am Abend zurückkomme.
Als ich wieder in das Vorzimmer trete, liegt mein Hund nicht mehr vor dem Kühlschrank. Meine Mutter hat ihn in einen Schuhkarton gelegt. Ich sage ihr, sie solle seine Lieblingsplüschbiene neben ihm legen und kleine Löcher in den Karton bohren, damit er Luft kriegt.
Meine Mutter zögert nicht mal für einen Moment oder schaut mich komisch an. Sie fängt an, in den Karton Löcher zu schneiden. Zuerst versuchen wir, in unserer Nähe einen grünen Ort zu finden, wo wir Frenk begraben können. Es scheint aber nicht einfach zu sein, irgendwo ein tiefes Loch zu graben. Meine Mutter entscheidet sich, dass wir den Hund in Omas Garten bestatten werden. Das wäre das Beste für ihn. Sie tut den Schuhkarton in eine Tasche und bestellt ein Taxi. Wir legen das Päckchen in den Kofferraum, aber sagen dem Taxifahrer nicht, was in der Tasche ist. Mein Onkel gräbt ein großes Loch in Omas Garten und sie legen den Schuhkarton vorsichtig hinein. Mutter pflanzt Blumen auf dem Grab an und lässt ein kleines Kreuz anfertigen. Seither liegt Frenk dort. Unter der Erde.

Foto: www.pixabay.com

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