Leben, wie es ist

Mascha war für mich ein Rätsel. Drei typische Details, die ich bei Mascha jedes Mal beobachtete, wenn ich sie sah: Hosen, ein Rucksack und lose Haare bis zu den Schultern, die sie mit einer schönen Handbewegung hinter die Ohren zog. Ja, und noch ein Lächeln. Ich dachte, sie lächelt immer. Mir gefiel ihr ruhiges Verhalten. Sie passte sich nie an jemanden an und hatte zu jeder Situation ihre eigene Meinung. Zwar war sie klug und bekam von der Uni während des Studiums ein Stipendium, aber sie war nie fleißig beim Lernen. Sie schien immer stark zu sein, nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Es war nicht leicht, sie zu beleidigen. Vielleicht hatte ihr schwarzer Judogürtel damit etwas zu tun.

Ich kannte Mascha fünf Jahre. Wir wohnten zusammen in einem Zimmer in dem Studentenwohnheim. Nach dem Studium hielten wir auch den Kontakt und lebten in einer Stadt. Nach ihrem Urlaub, den sie mit ihren Eltern in Kostroma verbrachte, war sie nach Nischni Nowgorod am Samstag unterwegs, als sie kurz mit mir telefonierte. Wir verabredeten uns zu einem Treffen. Eine für beide passende Zeit wollten wir aber später wählen.
Eine Woche war nun vorbei. Mascha meldete sich nicht, ich hatte auch viel zu tun. Endlich rief ich sie an.
“Allo”, hörte ich eine unbekannte Stimme.
“Mascha?”, sagte ich.
“Ich bin ihre Mutter”, sagte eine traurige Stimme, “Mascha ist gestorben.”
“Was? Ist das ein Witz?”, brach die Worte gedankenlos aus mir heraus.
“Nein. Es passierte am Sonntag vor einer Woche”, sagte sie, und nach einer Pause fragte sie mich: “Wer sind Sie? Woher kennen Sie meine Tochter?”
“Wir haben zusammen im Studentenwohnheim gewohnt. Was ist passiert? Wir haben gerade erst vor einigen Tagen miteinander gesprochen”, antwortete ich und glaubte noch nicht, dass es wahr war.
„Ich hatte das im Gefühl, dass zwischen Mascha und Tanja etwas nicht stimmt. Kennen Sie sie vielleicht?”
“Ja, ich kenne Tanja.”

Tanja war eine Freundin von Mascha. Sie stammten aus derselben Stadt und waren in der Schule zusammen. Ich wusste nicht, welche Art von Beziehung sie tatsächlich verband und warum Mascha so an sie gebunden war. Mascha sprach nie darüber. Wenn Tanja zu uns ins Zimmer kam, kümmerte sich Mascha um sie. Insbesondere mochte Mascha, Tanjas Haare zu kämmen. Kürzlich fand Tanja eine gut bezahlte Arbeit im Moskau und zog dorthin um.

“Sie hatten einen Streit. Dann erhängte sich Mascha im Badezimmer an der Wasserleitung. Bete für meine Tochter. Auf Wiedersehen…”, sagte die Mutter leise und ruhig.
“Auf Wiedersehen…”, sagte ich und legte mein Handy neben mich auf das Sofa. Ich wollte es nicht glauben. Sie war erst 24 Jahre alt gewesen. Wir hatten doch gerade erst an zu leben angefangen und alles lag noch vor uns.
Von Zeit zu Zeit erinnere ich mich, wie sie in unserem Studentenwohnheim auf dem Bett saß, mir von ihrem Judo-Trainer erzählte und lächelte.

Foto: www.pixabay.com

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