Das Lichtfest

Es war Mitternacht. Du und ich saßen auf dem Dach eines Bauernhofs, sahen einen langen Zug aus Fackeln in der Ferne, wie einen Feuer-Drachen, sich am Hang des Berges fortbewegte.

Du wolltest mir das Lichtfest der Ernte zeigen, in diesem Dorf umgeben von Bergen.  Als die Nacht gefallen war, waren alle außer uns mit Fackeln auf den Berg marschiert.

Drei Jahre hatten wir an demselben Tisch im Gymnasium gesessen.  Wir hatten kaum miteinander gesprochen und die Grenze in der Mitte des Tisches gehalten.  Einmal rettetest du mich im Chemieunterricht.  Als ich fassungslos vor der Tafel stand, reichtest du mir einen Zettel, blitzschnell. In der Pause zeichnetest du mir die Lösung. Niemals sagte ich dir, dass du das besser erklärt hattest, als der Lehrer.

Es war eine Überraschung gewesen, als du mich an der Uni gesucht und zum Fest eingeladen hattest. Unterwegs hattest du mich wie eine zarte Rose gehütet. Deine Freunde hatten über dich gelacht. Du lächeltest arglos wie ein Reh.

Der Mond zog durch die Wolken und leuchtete auf die Dächer. Umrisse der Häuser, das Bellen eines Hunds, ab und zu das gedämpfte Singen und Lachen aus dem Berg, die die nächtliche Luft durchdrangen. Der Feuer-Drache schlängelte sich bergauf. Der Wind wehte meine Haare. Du nahmst meine Hände zwischen deiner Hände, um sie zu wärmen. Du sahst mich an und ich sah dich an, wortlos. In deinen Augen las ich Tausende Worte. Mein Herz schmerzte süß. Wir saßen unter Sternen und Mond. Die Welt verschwand. Und stand still.

Foto: www.pixabay.com

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