Lost

Ich und Oma sitzen hinten. Wir lieben es zu quatschen, uns alte Fotos anzuschauen, und wie Oma sagt, über die alten Zeiten zu reden. Sie erzählt gerade von den Pferden, als mein Vater aufschreit: „Wien ist 20 km vor uns, wir sind fast da.“ Von der Nachricht werde ich so aufgeregt, dass ich mich in dem Auto übergebe. Mein Vater schimpft, warum ich nicht rechtzeitig gesagte hatte, dass es mir übel war. Opa nimmt mich in Schutz und streitet mit Vater, Oma umarmt mich und streichelt meinen Kopf. Dann putzen alle das Auto, solange ich draußen nach frischer Luft schnappe.

Nach einigen Minuten fahren wir weiter. Es ist Weihnachtszeit und wir besuchen das imposanteste Einkaufszentrum der Stadt. Ich weiß nicht genau, was das Wort „imposant“ bedeutet, aber wie Vater das aussprach, bedeutet es bestimmt etwas Schönes. Vater will sich dieses Wochenende von nichts verderben lassen. Nachdem wir geparkt haben, läuft er, um einen Einkaufswagen zu holen. Ich will im Wagen sitzen, aber Oma meint, ich bin schon zu groß dafür. Ich laufe mit strahlenden Augen und offenem Mund durch das große Einkaufszentrum. Zahlreiche Kleidungsstücke, Spielzeuge, zauberhafte Weihnachtsdekoration.

Wir bleiben vor dem Weihnachtsbaum stehen, um uns fotografieren zu lassen. Ich schaue an dem Baum hoch. Es ist so groß, dass ich fast mein Gleichgewicht verliere. Mein Vater drückt die Kamera in die Hand eines chinesischen Mannes und sagt etwas auf Deutsch. Der Chinese versteht kein Wort aber schafft es trotzdem, schöne Fotos zu machen. Vater bedankt sich bei ihm und fügt hinzu, dass er schon öfters hier war und gerne ein paar gute Restaurants empfehlen könnte. Der Chinese versucht herauszufinden, wovon Vater redet. Wir haben aber noch viel zu tun, so laufen wir weiter und lassen den verwirrten Mann bei dem Weihnachtsbaum stehen. Wir kaufen viele Sachen ein, ich weiß nicht genau was, weil ich mit meinem Eis beschäftigt bin, das mir mein Vater in die Hand gedrückt hat.

Unser Wagen ist langsam voll, wir brauchen noch mehrere Einkaufstaschen. Vater gibt mir 1 Euro und vertraut mir eine Kasse zu suchen und eine Tüte zu kaufen. Ich muss dreimal den folgenden Satz wiederholen: Ich hätte gerne eine Einkaufstasche. Ich nicke und beginne zu laufen, um meine Anordnung zu erfüllen. Habe aber keine Ahnung wohin ich laufe. Das Gebäude ist zu groß, ich verliere in weniger als eine Minute meine Orientierung. Ich laufe hin und her und wiederhole mir den gelernten Satz: ich hätte gerne eine Einkaufstasche, ich hätte gerne eine Einkaufstasche. Ich versuche mich zu beruhigen. Obwohl ich nirgendwo eine Kasse sehe, habe wenigstens den 1 Euro nicht verloren und den wichtigen Satz nicht vergessen.

Nach  langem Hin und Her erblicke ich ein Modegeschäft. Sie haben schöne Dekotüten. Ich laufe erleichtert hin und sage den Zaubersatz. Die Verkäuferin antwortet etwas, von dem ich nur einen kurzen Teil verstehe: 3 Euro. Etwas stimmt nicht. Ich schaue auf meine Hand. Da liegt aber nur 1 Euro. Es ist zu wenig. Ich spüre wie mein Gesicht heiß wird. Mein Magen wird hart wie Stein. Ich muss mich zusammenreißen, um mich nicht wieder zu übergeben. Ich verlasse das Geschäft, verabschiede mich aber nicht, habe sowieso keine Ahnung, was ich sagen sollte.

Um mich herum sind laufende Menschen, leuchtende Lichter, in meine Ohren heult laute Weihnachtsmusik. Ich gehe verzweifelt durch den Flur. Keine Tüte, keine Familie und ich habe auch den gelernten Satz vergessen. Ich suche mit meinem Blick jemanden, der mir helfen könnte. Meine Augen werden langsam nass. Plötzlich erscheint mein Vater. Er beschimpft mich wieder, warum ich denn eine einfache Aufgabe nicht erledigen konnte. Zum Glück laufen Oma und Opa auch zu mir und wir schieben den großen Einkaufswagen weiter.

Langsam beruhigen sich mein Körper und meine Seele. Ich denke daran, dass ich mich wenigstens nicht übergeben habe. Das wäre noch schlimmer gewesen. Ein Lächeln zeichnet sich auf mein Gesicht, als ich den Nikolaus erblicke. Er bietet mir ein Bonbon an. Es ist Weihnachten.

Foto: www.pixabay.com

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