Lichter meines Lebens V.

Das Licht des Einklangs

Schuhe aus, auf das Regal, Kopftuch auf die Haare. Wasser läuft durch meine Finger.  Gesicht, Hände und Füße gewaschen, leise folge ich meinen ägyptischen Mitreisenden in die Moschee aus dem Mamluken-Reich. Eine Welt der Stille, des Lichtes, der Schatten. Der Sonnenschein strömt aus dem circa 50 Meter hohen Dachfenster, wirft Schatten und Licht auf grüne Gebetsteppiche. Vor dem Gitterfenster sehe ich Autos, Motorräder, Kinder, Frauen und Männer vorübergehen. Ich höre mein Herz schlagen und Kleiderstoff rascheln. Eine Katze gleitet in die Ecke neben dem Mülleimer und leckt Wasser aus einem Schüsselchen.

Nach unserem Besuch einer alten Kirche wartet das Freitagmittagsgebet. Ich glaube nicht an Gott und wollte nicht hereinkommen. „Du solltest drinnen bleiben, wegen der Hitze.“

In der Moschee ist es kühl. Sie ist nicht groß. Die Gebetsnische (Mihrab) an der qibla-Wand* ist mit Marmor bedeckt. Nebenan steht die Kanzel (Minbar) mit Holzschnitt, dekoriert in Elfenbein in geometrischen Formen. Ein gigantischer Kronleuchter, aus Kupfer, fast drei Meter hoch, hängt in der Mitte des Raums, umgeben von den hängenden Lampen aus Glas in Blau und Weiß.

Eine tiefe hallende singende Stimme aus dem Lautsprecher ruft zum Gebet. Gegenüber der Kanzel stehen alle Männer, dahinter die Frauen.  Manche Frauen tragen einen Umhang über ihrem Kleid. Alle fangen an zu beten. Hände hoch neben dem Gesicht, Lippen bewegend, Augen zu. Sie knien nieder, beugen ihre Oberkörper, fallen auf die Knie. Ihre Stirn auf dem Boden, eine Verlassenheit. Ich verstehe kein Wort. Die Vibration entsteht aus dem Gesang und hallt in dem Raum. Ich sehe feinen Staub in der Strahlung tanzen. Ich spüre warme Liebe in mein Herz fließen. In einem Augenblick sehe ich die Leute in helles Licht gehüllt. Die Reichen oder die Armen, die Dünnen oder die Fetten, Frauen oder Männer, die Unglücklichen oder die Glücklichen, in diesem Moment sind wir alle gleich. Gott ist das Licht der Liebe. Das Licht beseitigt unser Ego, unsere Sorgen und bringt uns zurück zu unserer Geburtsstunde.

Das Gebet ist beendet. Wir gehen hinaus. Die Sonne glüht und sticht. Hitze und Lärm sind unerträglich. Aber jeder hat eine Ausstrahlung von Frieden und Erleichterung. Ahmed kauft uns frisches Zuckerrohrwasser. Wir gehen in ein Restaurant, um Köfte zu essen. Danach nimmt Mahmod uns in ein Tuk-tuk. Er möchte mir die beste Bäckerei im Stadtzentrum, gebaut von Pascha Ismail, zeigen. Bei der Bäckerei kaufen wir Eis. Wir lecken das Eis und gehen an der Synagoge vorbei. Ich mache ein Bild. Ein Soldat befiehlt mir, das Bild zu löschen. „Es ist verboten, ein Bild der Synagoge zu machen.“  Ich lösche das Bild. Das macht nichts. Ich kann später das Gebäude um die Ecke fotografieren. Er wird mich nicht erwischen. Er nickt und trinkt seinen Tee, fragt, ob wir auch Tee möchten. Wir fragen ihn, ob er Eis essen möchte. Er lacht. Wir gehen weiter, glücklich. 

*Die Qibla ist die vom Koran vorgeschriebene Gebetsrichtung der Muslime zur Kaaba in Mekka. Die Ermittlung dieser Richtung führte schon früh zu maßgeblichen Verbesserungen in Astronomie und Himmelsmechanik durch die Araber.

Foto: www.pixabay.com

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