Die Leichenhalle

Es ist das erste Mal, dass du gestorbene Menschen siehst und gleich so viele auf einmal. Du studierst Jura und in diesem Juli machst du ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft. Normalerweise bist du mit den Unterlagen beschĂ€ftigt, wie auch andere Praktikanten. Aber morgen habt ihr eine Veranstaltung in der Leichenhalle. FrĂŒh am Morgen trifft sich eure Gruppe an der Haltestelle. Gemeinsam geht ihr zum Ziel. Unterwegs versucht ihr euch vorzustellen, was euch erwartet. Ihr plaudert und lacht. Nicht nur du, sondern auch die anderen sahen Leichenhallen in vielen Filmen. Alle sind dazu bereit und gespannt gleichzeitig. Wenn ihr die Wirklichkeit nur erahnen könntet, wĂŒrde die HĂ€lfte von ihnen zu Hause bleibt. Aber ihr wisst noch nicht, was euch erwartet.

Eine Weile spĂ€ter verirrt ihr euch im Park und statt des gesuchten GebĂ€udes findet ihr ein Krankenhaus. “Nein, das ist bestimmt keine Leichenhalle. Hier sitzen noch ganz lebendige Menschen auf den BĂ€nken”, sagt Misha.

“Dann frage ich sie, wohin wir gehen sollen”, sagt Marina und ist bereit zur Frage.

“Mach das nicht”, erwidert Andrej, “Es erscheint mir herzlos, sie zu fragen, wo die Leichenhalle ist. Sie sehen eigentlich nicht so krank aus.”

Einige Minuten spĂ€ter steht ihr vor einem einstöckigen, unauffĂ€lligen, alten GebĂ€ude. Der Geruch lĂ€sst keine Zweifel zu: Dort befindet sich der Tod. Vor dem Eingang trifft euch eine Mitarbeiterin und lĂ€dt euch ein, einzutreten. Die Sonne scheint hell und freundlich. Heute ist es bereits am Morgen warm, du wĂŒrdest sogar sagen: heiß. Du trĂ€gst Jeans, ein T-Shirt und weiße Turnschuhe. Dir fĂ€llt gerade ein: Gestern hat uns der Leiter des Praktikums gesagt, wir sollten etwas Altes zu tragen. Du siehst dich um. Niemand hat wirklich darauf gehört. Wir werden das bereuen.

Hier vor dem GebĂ€ude stinkt es unertrĂ€glich. Wie kann ich ĂŒberhaupt eintreten?

Die TĂŒr ist geöffnet. Drinnen scheint es dunkel und abweisend zu sein. Abwechselnd sammelt ihr eure Gedanken und geht hinein. Du holst nur kurz Luft und hĂ€ltst den Atem an. Du hast das GefĂŒhl durch eine Wand zu gehen. Du musst sogar deine Augen schließen. Es hilft nicht.

Trotzdem bist du drinnen. Hier ist es nicht nur dunkel, sondern auch ein bisschen kalt. Unangenehm kalt. Du gehst durch einen kleinen Flur in einem schummerigen Raum. Die Augen gewöhnen sich langsam. Du siehst dich um. Es hat wahrscheinlich einen Grund, warum es nur halbdunkel ist. Sie liegen ĂŒberall auf Haufen wie ausgemusterte Schaufensterpuppen, die achtlos ins Lager geworfen wurden. Zwei kleine und noch zwei große verbrannte Körper liegen auf einem Regal in der am weitesten entfernten Ecke. Oh Gott, das kann nicht sein. Wo sind die Kisten, die KĂŒhlung? Hier darf man nicht stehen bleiben, du gehst weiter. Schließlich versammelt sich eure Gruppe in einem kleinen Raum. Er ist nur circa 20 qm groß und gut beleuchtet. Es sieht wie ein Operationssaal aus.

Die Mitarbeiterin gibt euch ein LĂ€usespray.

“LĂ€usespray?”, fragst du nach.

“Ja, das ist die Leichenhalle fĂŒr die kriminell gestorbene Menschen. Hier befinden sich auch viele Obdachlose. Sie sind zwar gestorben, aber ihre Freunde nicht.”

Warum bin ich hier?

Hier im Raum stehen zwei Metalltische, auf denen zwei nackte Körper liegen. Sie erinnern dich an ein Wachsmuseum. Sie sehen zwar wie Menschen aus, aber du kannst nicht behaupten, dass sie Menschen sind. In ihnen ist kein Leben. WĂ€hrend du mit dir selbst sprichst, schneidet die Mitarbeiterin die Brust der einen Leiche mit einer kleinen SĂ€ge auf. Du schließt die Augen und es scheint dir, als wĂŒrde dein Vater gerade Holz draußen sĂ€gen. Du willst verschwinden. Aber du bist so schockiert von allem, was passiert, dass du nur dastehst und zuschaust. Dann schneidet die Pathologin den Bauch auf. Sie nimmt Organe heraus, schneidet StĂŒcke davon ab und fĂŒllte sie in GlĂ€ser. Sie zeigt euch alle Krankheiten, die die Person hatte.

“Könnt ihr es riechen?”, fragt sie euch.

“Riechen? Ist es ein Witz?”, fragt jemand.

“Es riecht nach Alkohol! Er war ein Alkoholiker”, ruft sie begeistert aus.

Was fĂŒr ein Alkohol? Es riecht nur nach einem – dem Gestank verwesender Körper.

In der Pause traust du dich nicht, den Raum zu verlassen. Du kannst sonst vielleicht nicht wieder zurĂŒck gehen. Und ihr habt noch eine weitere Autopsie. Die zweite Autopsie wird vom Chefarzt durchgefĂŒhrt. Er geht sehr professionell und gelassen vor. Auf dem Tisch liegt ein junger Mann von ungefĂ€hr 20 Jahren, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.

“Er hatte eine Kopfverletzung und das Blut blieb in seinem SchĂ€del, daran starb er”, erzĂ€hlt euch der Arzt, noch bevor er ihn berĂŒhrt. Dann öffnet er den SchĂ€del mit einer kleinen, runden SĂ€ge. Oh Gott, der SchĂ€del ist weiß. Im Biologieunterricht in der Schule wurde uns das nicht erzĂ€hlt. Der Doktor zieht das Gehirn heraus und schĂ€tzt die Blutmenge im SchĂ€del ohne besondere Mittel. Danach schaufelt er das Blut aus dem SchĂ€del und misst es ab. Die Blutmengen sind in beiden FĂ€llen gleich.

“Wenn sein SchĂ€del gebrochen wĂ€re, dann wĂ€re das Blut herausgeflossen und er wĂ€re am Leben geblieben”, sagt der Arzt.

Er könnte noch leben…, klagen die Worte in deinem Kopf, … könnte … leben … lachen
 eine junge Frau kĂŒssen …

Die Veranstaltung ist endlich vorbei. Du bist wieder draußen. Frische Luft! Erst jetzt merkst du, dass Andrej noch immer draußen steht und raucht. Misha wirft sein T-Shirt weg. Nach einem Monat wirst du deine weißen Turnschuhe wegwerfen. Du wĂŒrdest sie nicht mehr anziehen können. Ihr fahrt zusammen in einem Bus zurĂŒck. Ihr könnt nicht aufhören zu reden. Kein Fremder setzt sich neben euch.

Foto: pivabay.com

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