Das Hühnercurry

Mein Schwiegervater ist ein Mann mit festen Angewohnheiten. Um 7:30 steht er auf und zieht die Rollläden in der Küche und im Wintergarten hoch. Während er Wasser kocht, schiebt er eine Semmel in den Ofen. Er nimmt Butter, Marmelade und Honig aus dem Kühlschrank, legt sie auf dem Küchentisch am Fenster, macht sich einen schwarzen Tee, lässt ihn ziehen und holt die Semmel aus dem Ofen. Auf einem Tritthocker sitzend, schneidet er das Brot in zwei Hälften, beschmiert beides mit Butter, dann eine Hälfte mit Honig und eine andere mit Marmelade. Damit fängt sein Tag an und läuft dann ab wie eine Schweizer Uhr. 

Pünktlich um 9 Uhr geht er spazieren. Danach arbeitet er im Büro und tippt auf der Schreibmaschine. 12 Uhr Mittagsessen: Semmel mit Salami, Schinken und Käse, 13 Uhr ein Nickerchen, 14 Uhr einen Spaziergang, 15 Uhr Kaffee und Kuchen, 16:00 Uhr  Lesezeit „der Spiegel“ , 18:30 Uhr Abendessen, Spaziergang, 20 Uhr „Tagesschau“ , 10 Uhr ins Bett. Er ist ein treuer Leser von „Der Spiegel“.  „Bild“ dürfen wir auf keinen Fall lesen. Mein Mann hat ihm jahrelang ein Abonnement des „Spiegels“ geschenkt. 

Er besitzt weder Handy noch Computer. Er isst weder etwas Italienisches noch Asiatisches.  Er erträgt weder Knoblauch noch Meeresfrüchte. Kartoffeln sind für ihn unverzichtbar für jede Abendmahlzeit. Er hat als Diplomat in den USA, Afrika und Süd Amerika gelebt. Ich kann mir kaum vorstellen, wie er in jedem Abenteuer hat überleben können. 

Wir, mein Mann, meine zwei Töchter und ich, besuchen meine Schwiegereltern einmal pro Jahr im Sommer. Jeden Abend, wenn ich die Kinder zu Bett schicke, sagt er ihnen auf Englisch „I have to go to bed and see the birds still hopping on the tree”, ein Gedicht von Robert Louis Stevenson, seine Hände neben seinen Schläfern winkend. Wir bleiben eine Woche bei ihnen. Danach fahren wir alle gemeinsam in die Alpen, um dort Urlaub zu machen. 

Einmal verbrachten wir eine Woche in Bad Gastein, einem Dorf in den österreichischen Alpen. Wir wohnten in zwei Wohnungen in einer Ferienanlage. Wegen meines Schwiegervaters musste meine Schwiegermutter jeden Tag kochen und ich half ihr dabei.  Meine Familie und ich hatten Kartoffeln, Schnitzel und Würstchen schon satt. Wir hatten Sehnsucht nach etwas Asiatischem. Meine Schwiegermutter war ebenfalls todmüde vom Kochen und von den eintönigen Gerichten. Wir hatten mehrmals versucht, meinen Schwiegervater von meiner chinesischen Küche zu überzeugen. Allerdings hatte er jedes Mal geantwortet, „Nein, nein, ich esse nur Gerichte aus deutschen Küche.“ 

Nach einer langen Diskussion mit meiner Schwiegermutter kamen wir auf eine Idee.

„Vater, heute Abend koche ich Hühnerfleisch mit Soße, ein deutsches Gericht,“ schlug ich vor. 

„Was ist das denn?“, fragte mein Schwiegervater misstrauisch. 

„Vater, das ist genauso ähnlich wie Chicken Stroganoff“, erklärte mein Mann. 

„Werner, lass Jenny das machen.  Alle Zutaten kaufen wir hier im Supermarkt. Ich helfe dabei. Lass mich doch den Urlaub genießen“,  sprach meine Schwiegermutter leise. 

„Gut, aber leg bloß keine seltsamen Dinge rein“, nickte er und las wieder seine neue Ausgabe des Spiegels.

Tatsächlich wollte ich Hühnercurry kochen. Im „Spar“ Supermarkt fanden wir keine richtige Currysauce. Nur gelbfarbige Fertigcurrysaucen mit Kokosmilch in Dosen standen zur Verfügung, in Wien hergestellt. Zu Hause hatte ich Curry Sauce entweder aus Indien oder Japan. Dazu fügte ich Kurkuma, Currypulver, Chilipulver, Curryblätter und Kardamom hinzu.  Aber dieses Mal musste ich das Rezept improvisieren. 

Knoblauch, Ingwer, Frühlingszwiebel und Zwiebel hackte ich fein. Rührte sie mit trocknem Chili in einer erhitzten Pfanne mit etwas Olivenöl. Als es duftete, gab ich gewürfelte Hühnerbrust hinein und ließ sie braten. Sobald das Fleisch von unten gebräunt war, goss ich mit Currysauce auf. Bald breitete sich der Duft in unserer Wohnung aus. Jemand klopfte an die Tür. Das war mein Schwiegervater.  „Ich kann den Duft in meiner Wohnung riechen“.  Ich deckte die Pfanne sofort zu.  „Vater, das Essen ist bald fertig.  Die Kinder werden euch abholen. Oder möchtest du mit mir auf dem Balkon sitzen, ein Glas Wein zu genießen?“, bot mein Mann ihm an.  Er zögerte und ging in seine Wohnung zurück, weil er sich umziehen wollte. 

Ich probierte die Soße und war enttäuscht, sie war zu sauer und schmeckte gar nicht nach Curry. Das war überhaupt nicht, was ich erwartete. Ich schwitzte und hatte fast einen Panikanfall. Ich rief meinen Mann und meine Kinder. 

Meine Töchter leckten die Soße von der Schöpfkelle und verzogen das Gesicht.  „Das ist gar kein Chickencurry“, stellten sie fest.  „Das schmeckt scheußlich.“ 

Mein Mann nahm auch ein Löffelchen.  „Vielleicht kannst du ein bisschen Sojasoße hinzufügen? Mehr Gemüse? Keine Panik! Im schlimmsten Fall gehen wir ins Restaurant unten“, tröstete er mich. 

Vielleicht ein bisschen Alkohol.  Wir hatten gerade eine Flasche Birnenschnaps aus der Dorfbrennerei gekauft.  Einen Schuss in die Pfanne, mehr Gemüse.  Am Ende fischte ich den Chili heraus und streute Petersilie darüber.

Mit pochendem Herzen präsentierte ich meinem Schwiegervater das Abendessen.  Er löffelte Hühnerfleisch, Gemüse und Soße über den Reis, schnitt das Fleisch mithilfe Messer und Gabel in kleine Stücke.  Langsam nahm er eine kleine Portion mit seiner Gabel und fuhr sie in seinen Mund.  Wir alle guckten ihn an und erwarteten, dass er den Bissen ausspuckte.  Er kaute und nickte, „Hervorragend.  Das schmeckt wunderbar. Danke, Jenny für das außergewöhnliche Essen.“

Bevor er in seine Wohnung zurückging, hielt er die Hände an den beiden Schläfern, winkte, wie immer, „I have to go to bed and see the birds still hopping on the tree”. 

Sobald er hinter der Tür verschwand, schüttelten wir uns vor Lachen.  „Mama, Opa mag dieses Chickencurry!  Er muss eines Tages dein echtes Chickencurry probieren!“  Ich lachte so sehr, dass ich Magenschmerz bekam. Wir hatten ihn ausgetrickst. 

Am nächsten Tag während unserer Wanderung, wiederholte er, „Jenny, das Essen gestern Abend war unglaublich.  Helga, du musst das Rezept von Jenny aufschreiben lassen.  Jenny, danke dir noch mal.“  Ich musste mir das Lachen verkneifen.

Foto: www.pixabay.com

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