In Scherben

Ein warmer Sonntagmorgen. Seit der Scheidung meiner Eltern verbringe ich nur noch wenige Tage bei meinem Vater. Aber heute sitze ich mit ihm auf dem Balkon. Mein Vater bringt den Orangensaft und setzt sich. So einen herrlich gedeckten Tisch sieht man selten. Vater hat Sinn für Schönheit. Alle Köstlichkeiten sind nur für mich und für ihn. 

Während des Frühstücks erzähle ich, dass ich eine Eins in Mathe habe. Er nickt zufrieden. Die Sonne scheint stärker und beleuchtet mein Gesicht. Ich blinzle, damit ich besser sehen kann. Vater schaut mich an und bemerkt die Pickel auf meinem Gesicht. Meinen ersten Pickel habe ich vor einem Jahr bekommen. Jetzt habe ich mindestens dreißig. Meine Mutter meint, das seien nur unwichtige Merkmale der Pubertät. Vater zieht die Augenbrauen zusammen, sein Gesicht verwandelt sich in eine Grimasse, als ob er auf eine Zitrone gebissen hätte. „Wie siehst du denn aus?”, fragt er. „Deine Haut ist schrecklich, sie macht dein ganzes Gesicht häßlich. Wieso lässt du dich nicht behandeln?” Ich antworte nicht. Sein Blick brennt auf meinem Körper. Ich bin ein Stück schweres Holz, das von Flammen vernichtet wird. Ich kann nicht reden, kann mich nicht bewegen. Ich richte meinen Blick auf den Boden.

Viele Jahre später höre ich einen Psychologen im Radio reden. Er beschreibt ein Gefühl. Sehr schmerzhaft für ein Kind. Es fühlt sich an, als ob uns jemand mit glühendem Eisen verbrennen würde. Die Bezeichnung dafür ist Scham.  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.