Meine unperfekte Stadtmauer

Als ich zwölf war, schickten mich meine Eltern, um mir Gutes zu tun, in ein Gymnasium in der Altstadt.  Von da an wohnte ich mit den anderen neun Mädchen im Schulwohnheim.  Am Wochenende fuhr ich mit dem Bus nach Hause zurück. 

Die Zeit verging im Schneckentempo. Endlich stand ich zwei Monate vor der Abiturprüfung.  Meine Klassenkameraden und ich lernten und lernten.  Sogar der ungehorsamste Junge saß still im Unterricht.  Ab und zu wusste ich nicht mehr, was ich lernen sollte.  Die Fächer, Sport, Kunst und Musik, die nicht für die Prüfung relevant waren, wurden gestrichen.  Das Schlimmste war: Unser Wohnheim wurde umgebaut.  Wir mussten uns mit den anderen 50 Kindern in einer Halle zusammendrängen.  All meine Zimmergenossen zogen aus.  Mein Vater bat einen Bekannten darum, dass ich bis zur Prüfung bei seiner Familie wohnen durfte.  Seine Wohnung könnte ich von der Schule aus innerhalb von 20 Minuten zu Fuß erreichen. 

An einem heißen Tag konnte ich nicht mehr länger in der Wohnung stillsitzen.  Nach dem Abendessen ging ich hinaus, um eine ruhige, kühle Ecke zu suchen.  Viele Leute plapperten miteinander vor den Wohngebäuden.  Es war angenehmer draußen.  Mein Weg führte mich zur Stadtmauer, die ungefähr 20 Meter hoch war.  Die graue Mauer war gigantisch.  Sie stand schweigend um die Stadt, auf die ich niemals geachtet hatte.  Wie eine uralte Frau hatte sie nicht nur Kriege erlebt, sondern auch die verschiedenen Dynastien Chinas.  Ihre Existenz war vergessen worden.  Die Natur hingegen hatte die Mauer erobert.  Sie war voller Ungeziefer und Unkraut.  Der Wind hatte Samen zur Mauer getrieben. Die feinen Wurzeln gruben sich in die Mauerfugen und die Mauerritzen. Aus ihnen wuchsen Büsche und Blüten heraus. Pastellfarbene Blumen und grüne Gräser nickten im Wind, kleideten die Mauer in Leben.  In der Mauer fanden Vögel schon Plätze für ihre Nester.  Leider klebte auch überall weißlicher Kot.  Manche Stellen der Mauer waren eingestürzt; die entblößte Erde wurde durch das Betreten in einen Weg verwandelt.  Einem steilen Weg folgend kletterte ich bis nach oben. 

Ein Wald voll gigantischer Gräser wartete auf mich.  Ich war ein Zwerg, unsichtbar in dem See des Grünen.  Löwenzahn und Pusteblumen bedeckten die nackte Erde.  Verstreut lagen da alte poröse Pflastersteine.  Das Abendrot erleuchtete die Spitze der Gräser.  20 Meter unter mir, zu meiner rechten Seite, sah ich die Stadt.  Draußen plauderten Menschen und zügige Passanten, die in der Dämmerung so weit entfernt waren und mit mir nichts zu tun hatten. An meiner linken Seite war der Burggraben mit Wasser, Dörfern und Feldern.  Die Mauer aus grauen Steinen erstreckte sich bis zu einem dachlosen Eckenturm in der Ferne.  Hinter dem Turm verlief sie weiter, bis sie sich im rötlichen Nebel verlor.  An beiden Seiten der Mauer waren Brüstungen, die im Laufe der Zeit beschädigt worden waren.  Man könnte ums Leben kommen, falls man hinunterfiel. Ich fand einen leeren Platz, schloss meine Augen und atmete tief ein.  Was es ohne die Ablenkung der Stadt und des Redens alles zu sehen und zu hören gab! Gräser, Blumen, Käfer, Tauben, den Gesang der Vögel, den Wind in den Gräsern. Ich sah Soldaten im Mondschein marschieren und Kaiser die Verteidigung gegen eine Invasion dirigieren. 

„Das Reich ist vernichtet, was bleibt, sind Berge und Flüsse.
Frühling herrscht in der Stadt: wild wuchern Bäume und Gras.
Berührt von den Zeiten, vergießen die Blumen selbst Tränen;
Trennungsschmerz erschüttert das Vogelherz.“

(„Ein Blick in den Frühling“ von Du Fu)

“Siehst du nicht die Wasser des Gelben Flusses vom hohen Himmel kommen,
Jagen sie meerwärts und kehren nie mehr zurück!
Siehst du nicht droben im Saal den Spiegel betrauern dein weißes Haar?
Morgens noch war es wie dunkle Seide; abends schon ward es zu Schnee.

Lass nie den goldenen Pokal leer unterm Monde stehen!

Mein angeborenes Talent wird sich schon seinen Weg bahnen,

Tausend verschleuderte Gulden kehren wieder ein andermal.“

(„Hier kommt der Wein“ von Li Bai)

Ich sagte das Gedicht auf, eine Melodie singend in meinem Kopf.  In dem Moment verstand ich die Liebe meines Chinesischlehrers zu Gedichten von Li Bai und Du Fu.  Wir haben ihn und sein Sentiment verspottet.  Ein alter Pedant! Er zwang uns, alle Gedichte laut zu lesen und auswendig zu lernen.  Jetzt war die Mauer eine perfekte Kulisse für seine Erzählungen. 

Fast jeden Tag kam ich hierher. Manchmal hörte ich das Murmeln eines Liebespaars, obgleich ich sie nicht sah.  Von Zeit zu Zeit huschte eine Katze vorbei.  An einem regnerischen Tag rannte ein Hund aus den Gräsern.  Hinter ihm lief ein Kind, fünf oder sechs Jahre alt.  Es lief zu mir und gab mir eine Libelle aus Gras in meine Hand.  „Das ist für dich.  Ich habe es selbst gebastelt.  Ich habe dich mehrmals gesehen,“ sagte es.  Der Junge winkte mir zu, lächelte mich an, dann verschwand er in der Richtung des baufälligen Turms.  Am Himmel hinter dem Turm erschien ein Regenbogen.  

Bald kam die drei Tage dauernde Prüfung.  Meine Eltern, wie die anderen, standen jeden Tag vor der Tür, auf mich wartend.  Am letzten Tag nach der Prüfung lud mein Vater mich ein, Dumplings (Teigtaschen) in der Straße neben der Moschee am Trommelturm zu essen.  Als der Saft in meinem Mund schmolz und in unbeschreiblichem Geschmack explodierte, war ich das glücklichste Mädchen auf der Welt. Von dort sah ich nur einen Umriss der Mauer, wie meinen Beschützer.  Als ich meinem Vater erzählte, dass ich auf der Mauer lernte, war er entsetzt.  „Hast du die Zeitung gelesen?  Ein junges Mädchen wurde vor drei Tagen tot auf der Mauer aufgefunden.  Ein gefährlicher Ort!“ 

Nach den Sommerferien begann die Universität.  Aufgeregt war ich beschäftigt mit meinem neuen Leben.  Nach einem Jahr hatte ich Zeit, meinen alten Chinesischlehrer zu besuchen.  Anschließend kehrte ich zur Mauer zurück.  Die Mauer wurde renoviert und sah wie eine glänzende Braut aus.  Türen mit Schloss wurden hinzufügt und man musste eine Eintrittskarte kaufen.  20 Yuan war der Preis eines Tickets.  Für eine Studentin mit Stipendium von 50 Yuan pro Monat war das unheimlich teuer.  Mit geschlossenen Augen entschied ich mich eine zu kaufen.  Ein neu gepflasterter Weg führte zum Turm, der eben neu und mit Grün und Rot gestrichen worden war.  Manche fuhren Fahrrad.  Ein Tourist aus Island bat mich, ein Foto zu machen.  Er war beeindruckt von der Mauer.  Ich seufzte: „Aber die unperfekte Mauer war viel schöner!“  Seitdem habe ich die Mauer nie wieder besucht.  Meine alte Stadtmauer habe ich ins Herz geschlossen. 

Foto: www.pixabay.com

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