Darf ich ihn nicht lieben?

„Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?“

Johannes 4,11

Unser weißer Minibus galoppierte auf der leeren Autobahn, und plötzlich bremste er in lautem Jammer. Meine Stirn stieß an die Kopflehnen des Vordersitzes und der Schmerz unterbrach mein Dösen. 

Die Nachmittagssonne hing schrĂ€g ĂŒber einer schlafenden RaststĂ€tte, gehĂŒllt in feinen Sandstaub. Nebenan war ein heruntergekommener Kiosk aus weißem Ziegelstein. Ein roter Coca-Cola-KĂŒhlschrank vor der TĂŒr versprach, meinen Durst zu löschen. Wir stiegen aus.  Die trockene Luft zog sofort Wasser aus meiner Haut. Die anderen gingen in den Kiosk um Proviant und Wasser zu kaufen. Unter einem Akazienbaum spielte ich mit zwei Eseln, die Wasser aus einem Eimer tranken. Abseits vom Baum war ein Brunnen. Neben der TĂŒr sah ich einen Zwerghibiskus. Seine zwei dunkelroten samtweichen BlĂŒten öffneten sich schĂŒchtern.  Nicht weit davon standen rote Tontöpfe mit Basilikum und Pfefferminze. In diesem Moment stampfte Julie durch die TĂŒr, ging an mir vorbei und stieg ins Auto. Ihr folgend erschienen die anderen mit ernsten Gesichtern und den Blicken auf dem Boden. „Was ist los?“, fragte ich mich und ging zurĂŒck zu meinem Sitz. 

Unsere Gruppe war international. Julie, eine Amerikanerin, geschieden, war eine Professorin der Psychologie an einer UniversitĂ€t. Dann hatten wir Joe aus Schottland, eine Englischlehrerin. Hinzu kamen drei Frauen aus Kenia, Amerika und Ägypten. Außer unserem Beduinen Fahrer gab es zwei MĂ€nner, die uns begleiteten.

Der Fahrer startete den Motor. Im Bus war es kalt, nicht nur die Luft aus der Klimaanlage, sondern auch die Stimmung. FrĂŒher waren wir alle verrĂŒckt munter gewesen. 

Wir hatten die weiße WĂŒste besucht, um den Blutmond zu besichtigen. Gestern Abend hatten wir ums Lagerfeuer getanzt, wĂ€hrend unser Fahrer trommelte. Julie war der Star der Reise.  Unter dem vollen blutigen Mond in der weißschimmernden WĂŒste tanzte sie wie eine Löwin oder eine afrikanische Königin. Barfuß. Ihre freifallenden Haare, ihre Schultern, die BrĂŒste, ihr Bauch, ihre HĂŒfte und Becken bewegten sich im Rhythmus der Trommel. Sie sprang hoch und runter, federleicht und krĂ€ftig wie ein Leopard in Trance. Dann kroch sie nieder auf dem Sand, als ob sie den Sand aufwĂŒhlen wollte. Ihr sonnengebrĂ€unter Körper glĂ€nzte in den flackernden Flammen. In dieser Mondlandschaft, im Schimmern der Sterne und des orangeroten Mondes waren wir von ihr und ihrem tanzenden Schatten betĂ€ubt gewesen.

Sie schwieg selten. Am Anfang der Reise hatte sie uns erklĂ€rt, dass der Sitz neben der TĂŒr ihr gehörte. Unterwegs hatte ich ihr endlosem GesprĂ€ch ĂŒber Psychologie und Krankheit der Gesellschaft aufmerksam zugehört. 

Jetzt war sie wortlos. Die nette Joe sagte nichts, schĂŒttelte nur ihren Kopf und seufzte. „Joe und Julie, was ist passiert? Hat jemand euch etwas gestohlen?‘, fragte ich sie.

„Ich bin verliebt“, sagte Julie, ihre Lippen zitterten. „Habt ihr gesehen, er ist hĂŒbsch. Sein Gesicht ist genau symmetrisch wie eine perfekte Olive. Seine Augen sind rein und tief wie das blaue Meer. Seine Haut ist samtweich. Die Farbe seiner Haut, dieser dunkelolivgrĂŒne Farbton ist der schönste“, sprach Julie weiter. 

Ich wusste nicht, wie ich sie trösten konnte. Ich wollte sie umarmen, dennoch hatte ich Angst.  Denn letzte Nacht hatte sie uns informiert, dass sie auf keinen Fall neben uns schlafen konnte.  Sie litt unter Phobie, zu eng mit den anderen zu sein. Sie hatte allein hinter einem weißen Felsen in ihrem Schlafsack geschlafen. Jetzt bereute ich, diese dumme Frage gestellt zu haben.

Sie unterdrĂŒckte die TrĂ€nen und sprach weiter. „Er ist genauso perfekt wie eine Skulptur im Ă€gyptischen oder griechischen Tempel. Ich habe niemals in meinem Leben so einen perfekten Mann gesehen. Ich habe ein Selfie mit ihm gemacht und will ihm das Bild schicken. Seine Handynummer habe ich gespeichert. Dann werde ich ihn anrufen. Er kann mich in der Stadt besuchen. Ich kann alles zahlen.“ Sie war so aufgeregt, dass sie anhielt, um Luft zu kriegen.  „Aber sein Vater hat mir verboten, ihn zu kontaktieren. Er hat das Bild aus meinem Handy gelöscht. Die sind arm. Ich kann alles zahlen.“  Sie konnte ihre TrĂ€nen nicht kontrollieren. Sie brachte eine Flasche ParfĂŒm aus ihrer Tasche hervor und spritzte unter ihre linke Achselhöhle. „Ich habe das ParfĂŒm dort gekauft. Der Name des Parfums ist „El Hob“, die Liebe. Ich habe ihm das Parfum gezeigt. Er versteht, dass ich ihn liebe. Er versteht …“. Resolut erhöhte sie ihre Stimme. Ein billiger Duft erfĂŒllte den Bus. In ihren Augen sah ich die tiefblaue Einsamkeit und einen Durst nach Leben, als ich ihr ein Taschentuch reichte.

„Er ist 16. Madame, wie alt sind Sie?“, fragte der Fahrer, ohne seinen Kopf zu drehen. „Na, was? Ich bin 46. Darf ich ihn nicht lieben?“, antwortete Julie wĂŒtend. Sprachlos ging ich zu ihr und umarmte sie. Ihr durchtrainierter Körper wurde steif, dann entspannte sie sich. Joe nahm Julies Hand und drĂŒckte sie mit ZĂ€rtlichkeit.

Draußen war die eintönige Landschaft, SanddĂŒnen, verstreute GrĂ€ser. Ab und zu liefen einige Frauen auf dem BĂŒrgersteig, RĂŒcken gerade mit einem Korb voller Tomaten oder Auberginen auf den Köpfen. Ein Esel trabte mit einem Wagen mit Mangos vorbei, wobei der Fahrer seitwĂ€rts hinter dem Esel saß. Einmal kam ein Motorrad in der Gegenrichtung und trug die ganze Familie. Der Vater fuhr mit einem Jungen vor ihm. Hinter ihm saß die Mutter mit zwei kleinen Kindern.

Drinnen hatte der Fahrer das Fenster neben sich aufgemacht. Der Wind rauschte ins Auto. Plötzlich explodierte die Musik im Bus, ein arabischer Hip-Hop, laut, elektrisierend, schnell, pulsierend und lebhaft. Wir sangen oder schrien mit, und Julie auch.

Foto: www.pixabay.com

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