Meine erste Liebe (und Sex)

Wir waren schon im Klassenzimmer und er war noch nicht da. Er war verspätet. Es war meine erste Vorlesung in meinem Studium der germanischen Philologie. Das Zimmer war voll von Leuten, die ich nie bevor gesehen hatte. Jeder wollten jeden kennenlernen und auch den besten Eindruck geben. Niemand wollte falsch antworten oder etwas Dummes sagen. Das war unser Kurs, wussten wir alle, und mit diesen Leuten würden wir die folgenden Jahre ganz eng zusammen studieren.

Dann kam er herein. Ohne Scham. Ohne Entschuldigung. Vom ersten Schritt in das Zimmer an hatte er diese “Ich weiß das alles”-Einstellung. Er schaute sich in dem Zimmer um, sah den letzten freien Platz neben mir und setzte sich.

Wir waren Freunde auf den ersten Blick. Ich war ein schüchterner ländlicher Junge, 700 Kilometer von zu Hause entfernt und lebte zum ersten Mal alleine. Er war aus einer kleinen Stadt, gewandt und viel gereist. Mit ihm fühlte ich mich auch erfahrener und weltmännischer. Immer hatte er auch interessante Geschichte zu erzählen.

Das Jahr ging weiter, unsere Freundeskreise wurden größer, auch mit vielen gemeinsamen Freunden. Wir sahen uns jeden Tag in den Vorträgen und jedes Wochenende hatten wir irgendeine Party. Viel Spaß und viel Alkohol. Bis zu einer Nacht vor der Weihnachtspause.

Wir hatten bei ihm mit einer Gruppe von Freunden gefeiert. Nach allem Essen und Trinken fuhren die Leute weg, nur ich wollte noch ein Bier. Wir saßen ganz gemütlich auf dem Sofa und tranken Bier. Er blickte mich an und sagte, ohne Vorwarnung:

“Weißt du, ich bin schwul.”

Ich sah ihn an. “Was”, sagte ich. Ich war völlig überrascht.

Er lehnte sich an die Rückenlehne. “Oh, nein”, sagte er: “ich hätte das nicht sagen sollen.” Er klang verzweifelt.

“Nein”, sagte ich: “Ich meinte nur: Was, du auch?”

Es dauerte einige Sekunden, bis er erfasste, was ich gerade gesagt hatte. Auch für mich war es eine Wende und große Entlastung. Ich war nicht mehr alleine. Da gab es eigentlich einen anderen schwulen Mann in der Welt. Der sah auch ganz süß aus.

Bei den letzten Bieren sprachen wir lange miteinander. Dann war da noch Sex.

Foto: Michael Discenza – Unsplash

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