Lichter meines Lebens I.

Ein Regenschirm

Als ich 12 war, besuchte ich ein Gymnasium in der Altstadt Xians. Weil die Schule weit entfernt von meinem Zuhause war, wohnte ich bei einem Bekannten meines Vaters. Zu Fuß musste ich 20 Minuten bis zu seinem Haus laufen. An einem Sommertag fing es zu regnen an. Nach der Schule fiel der Regen noch dichter. Vor der Schultür warteten viele Eltern auf ihre Kinder, einen Regenschirm in der rechten Hand und noch einen in der linken. Ich wusste, dass meine Eltern nicht dabei sein konnten. Ich eilte auf einen Nebenweg, um diese liebevollen Eltern zu umgehen. Plötzlich hörte ich jemand meinen Namen rufen. Ich drehte meinen Kopf. Der Onkel, der Bekannte, bei dem ich wohnte, stand vor mir und reichte mir einen Regenschirm. Er kam zu meiner Schule, nur um mich mit dem Regenschirm abzuholen.  Seine zwei Kinder waren auf einer anderen Schule, die nicht so gut wie meine war. Hatte er ihnen auch schon Regenschirme gegeben? Zusammen gingen wir nach Hause und ich erfuhr später, dass seine Kinder keinen Regenschirm bekommen hatten. Aber sie sagten, „Deine Schule ist weiter und deine Eltern sind nicht hier. Deswegen sollten wir uns mehr um dich kümmern.“ Diese Wörter zerplatzten meine Arroganz, weil ich aus einer gebildeten Familie von Peking kam. Sie waren eine einfache Arbeitsfamilie aus der Gegend. Ich schämte mich für meine Verachtung für sie. Am späten Nachmittag strahlte die Sonne durch Wolken und verdrängte die Schatten aus meinem Herzen. Am Abend lernten wir zusammen.

Foto: www.pixabay.com

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