Letzte Minuten

Der erste Schnee liegt am Boden. Es ist fast dunkel und kalt. Der eisige Wind drängt durch meinen dünnen Schal, durch den zerrissenen Mantel und lässt meinen Körper frieren. Ich gehe in den Wald, immer weiter. Tränen kullern mir über die Wangen und brennen kleine Löcher ins flauschige Weiß. Meine Stiefel hinterlassen hässliche, schwarze Reliefabdrücke, genau wie die, die ich auf meiner Seele habe.

Jeder weitere Schritt verlangsamt meine Gedanken und betäubt meine Gefühle, meine Finger, meine Zehen. Ich gehe immer weiter in den tiefen Wald und irgendwann werden meine Schritte langsamer und schwer, bis ich taub in den weißen Schnee falle. Ich friere nicht mehr. Ich schlafe ein. Und endlich macht das Geschehene mir nichts mehr aus.

***

Sie schüttet den grünen Tee in die Tasse, genau einen Löffel wie immer, und gießt das kochende Wasser hinein. Durch ihre Tränen kann sie fast nichts mehr sehen. Eigentlich wäre es sinnvoller, Wein zu trinken, eine Flasche nach der anderer, bis sie nichts mehr fühlen könnte, bis sie tot auf dem Sofa zwischen unzählige nasse Tücher und leere Flaschen fallen würde. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Sie hat sich entschieden.

Sie tupft die Tränen trocken, nimmt die Tasse und geht durch den grauen Korridor in ihr Büro. Sie schiebt die Papiere zur Seite und stellt die Tasse auf den Tisch. Wie immer schaltet sie den Monitor ein und öffnet ihr Programm. Ihre Hand liegt auf der Maus, ihre Augen betrachten den verschwommenen Bildschirm, aber ihr Kopf ist überraschend leer.

Sie nimmt die Tasse, dreht sich zum Fenster und macht einen Schluck. Heißer Tee verbrennt ihren Hals und trocknet ihre Tränen. Sie klammert sich fest an die Tasse wie an einen Rettungsring und starrt durch das schmutzige Glas in den Himmel. Die Selbstmörder gehen nicht in den Himmel, denkt sie ironisch und trinkt den letzten Schluck. Sie stellt die leere Tasse auf den Tisch, schaltet den Computer aus, wirft ihre Jacke über die Schulter, nimmt ihre Tasche und schließt hinter sich die Tür. Für immer.

***

Zu Hause hängt er seine Jacke in den Spiegelschrank, schlüpft in die Hausschuhe und verriegelt die Tür. Er geht ins Studio und schließt alle Fenster. Erst dann entkorkt er eine Flasche Rotwein, die auf der Kuchenplatte bereit steht, und schenkt sich ein Glas ein. Aus der Tasche im Korridor holt er die Schlaftabletten, die ihm sein Hausarzt heute verschrieben hat. Er dreht laut Musik auf, setzt sich auf den Hocker und nimmt die erste Tablette mit dem Schluck Wein.

Als das Glas leer ist, dreht er das Gasventil auf dem Herd auf Maximum und legt sich auf das alte Sofa. Gefühllos betrachtet er die kleinen Lichter auf der Decke. Er hat keine Tränen mehr, keine Gedanken. Nur Musik pocht befriedigend in seinem ganzen Körper und seiner Seele. Langsam schließt er die Augen.

Foto: www.pixabay.com

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