All das zu verlieren

Von Ema C.

„Klick, klick“ höre ich zum hundertsten Mal das unbekannte Geräusch meiner verdammten Geschirrspülmaschine. Dann Stille. Seit dem Abendessen sitze ich auf den kalten, grauen Fliesen meiner Küche mit dem Schraubenzieher in der Hand und versuche, dieses geheimnisvolle Rätsel zu verstehen. Strom an. Strom aus. Filter ausspülen. Extra Salz. Die nutzlose Anleitung hilft keinem. Mein Mann sagt kalt und ohne Gewissensbisse, dass ich verrückt bin, mich damit so viel zu beschäftigen – „Wir rufen den Hausmeister einfach morgen an“.

Mein Vater konnte sich nicht gut von Dingen trennen. Alte Haushaltsgeräte waren für ihn zu wertvoll, um irgendwann in den Müll zu gelangen. Stundenlang saß er auf dem Boden unseres Wohnzimmers und reparierte geduldig mit viel Aufmerksamkeit unsere plötzlich nicht mehr funktionierenden Bügeleisen, Staubsauger, Mixer oder Föhne. Manchmal bildete sich eine unangenehme Spannung in der Luft, eine Art Nervosität als er schimpfte und versagte die zu reparieren. Aber er dachte nie daran aufzugeben. Zumindest dienten die Geräte als Reserveteile in der Dunkelheit einer Ecke und beruhigten sein Gewissen. Wir waren froh, wenn es ihm gelang, den Föhn zu reparieren, und wir nicht am Sonntagabend mit einer seiner Innovationen mit unzähligen Anleitungen wie „Hier nicht anfassen“ unsere Haare trocknen mussten. Ich dachte immer alle Väter wären so.

Eines Tages kam er mit der Offenbarung, dass er ein altes Auto gekauft hatte, und plante, es zu reparieren. Das konnten wir uns leicht vorstellen, da er schon ein paar Jahre zuvor eine Garage von der alten Nachbarin in unserem Quartier gemietet hatte. Mit ihr musste er über den Stromanschluss verhandeln, und jeden Monat eine Rechnung zahlen, obwohl sie bei dem kleinsten Geräusch kühn drohte, den Strom auszuschalten. Langsam zog er mit seinen schweren Kompressoren, Schweißgeräten und Schleifmaschinen in die Garage ein. Aus einem gekauften Auto wurden zwei Autos. Eins für die Karosserie, das andere für den Motor. Monatelang verbrachte er nach seiner Arbeit die Abende in der Garage.

Wir hatten nie ein gutes Auto. Seine handmade Autos waren nie Autos, wie die von meinen Schulfreunden. Voller Scham stieg ich vor dem Schuleingang ins Auto ein, und das laute, nach Metall klingende Geklapper von den schweren Türen, wenn ich sie schloss, klang lange nach. Die Blicke der anderen waren unangenehm. Aber mein Vater nahm die Situation nie ernst und nannte das Auto der Drache, obwohl der Drache sich zu jedem Zeitpunkt ergeben könnte und wir immer Spitzenohren hatten, und meinem Vater jedes plötzlich auftretende Geräusch sehr stolz meldeten. Wir erzählen sie immerhin weiter, die Ungelegenheiten, die der Drache uns bereitete.

Ich liebte es, die Garage, den geheimnisvollen Ort meines Vaters, zu besuchen. Seine Haare und Gesicht, mit Staub bedeckt, leuchteten unter der einzigen Lampe. Mich zu sehen freute ihn und er schaltete seine lauten Geräte sofort aus. Ich dachte nie, dass die Garage für ihn ein Ausflug aus dem schwierigen Alltag war. Dass er auch lebte, solange er ein Projekt vor sich hatte. Die Aussicht, dass man mit eigenen Händen die Gegenwart, aber auch die Zukunft unseres Lebens verändern könnte, ist etwas, was mein Vater hoffte. Diese Utopie hat ihn so geprägt, dass er auch heute Apparate zu Hause nie neu kauft. Auch heute fährt er ein altes Auto, so anspruchsvoll, dass er jedes Wochenende seine Wünsche erfüllt. Die Kontrolle, dass er alles selbst reparieren kann, zu verlieren, beunruhigt ihn. Ein neues Auto würde ihn auch ins Unbekannte entführen. Trotzdem würde er das alles heute mit viel Humor abweisend leugnen, genauso wie er bei der Verschlechterung seines Hörvermögens, auf die Frage seiner Ärztin, ob er in Lärm arbeiten würde, mit Nein antwortete.

Foto: www.pixabay.com

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