Eis und Wasser, eine tödliche Kombination

Wasser wird Schnee hoch im Himmel über dem nordwestlichen Lappland und schwebt herunter. Die ersten Schneeflocken lösen sich auf dem noch warmen Boden und der noch nicht gefrorenen Seefläche auf. Für die Lebewesen, Weidenhühner, Füchse, Vielfraße, Rentiere, Rehe, Hasen und Lemminge bedeutet es, dass der Winter auf dem Weg ist; es ist Zeit, sich vorzubereiten.

Die Tage müssen auf das Licht immer schneller verzichten. Mehr Schnee schneit und mehr Schnee bleibt liegen. Die Bäche von den Bergen rund um den See fluten neue Wasser hinein. Bald kühlt der Boden aus und dünnes Eis bedeckt den See. Der Schnee bleibt liegen. Der Nordwind baut Schneebänke auf. Immer mehr, immer dicker.

Zeit der Polarnacht.

Weißer Schnee reflektiert das schwache untergegangene Licht. Es ist nicht dunkel, es ist nicht hell. Die Zeit friert ein wie der Boden. Die Lebewesen leben jetzt verlangsamt. Wie jedes Jahr. Je mehr Schnee, desto mehr Vergnügen. Der Schnee bietet Schutz und Dämmung, das Eis auf dem See, neue Passagen für Menschen, Raubtiere und ihre Beute.

Dem See entspringt der Fluss. Er nimmt das eiskalte Wasser mit auf die Reise in den Süden. Er fließt unter dem dicken Eis, verdeckt. Hunderte von Kilometern, bis er ins Meer mündet. 

Und dann kommt der Frühling.

Die Sonne kehrt zurück und die Vögel singen. Das ganze Flusstal erwärmt sich. Gleichzeitig. Den Winter hindurch hatte der Schnee sich in aller Ruhe aufgebaut, aber jetzt schmilzt er. In Eile. Früher war es anders. Warm wurde es immer zuerst im Süden und dann später im Norden.

Der Schnee schmilzt schnell. Wird Wasser. Das Wasser füllt den See. Hunderte von Kilometern Schnee wird Wasser. Das ganze Flusstal voll von Schnee wird Wasser. Das Wasser ergießt sich in den Fluss. Unter der Eisdecke ist es eng. Zu viel Wasser. Die Rinne versucht alles zu schlucken, aber schafft es nicht. Das Eis gibt auf. Das Wasser stößt das Eis auf und baut Eishügel. Vieleckige, in der Sonne glitzernde Eishügel. Langsam mit dem Fluss vorwärtsdrängende Eishügel.

Weiter unten am Fluss taut das Eis auch nicht auf, der Schnee auf dem Eis wirft die Wärme der Sonne zurück. Das Eis hat beschlossen, nicht wegzuschmelzen.

Aber es muss. Der Druck im Fluss wird zu groß. Die Eishügel klettern übereinander, die Eisdecke platzt und die Scherbe schlittern überall hin. Immer wieder.

Hügel und Scherbe kleben zusammen. Das Wasser stößt nun riesige zusammengeklebte Eisblöcke vor sich her, die den Flussboden und das Ufer verkratzen. Langsam und unwiderstehlich. 

Der Knall und Schall weckt die Leute in den Häusern am Fluss auf. Sie eilen in den Hof aus, rechtzeitig, um zu sehen, wie das Eis alles mitnimmt. Wie in Zeitlupe. Die Häuser, die Autos. Alles. Es lässt die Leute machtlos zurück.

Was bleibt, ist das ruhig fließende Wasser und die Fundamente der Häuser am Ufer.

Foto: Taneli Lahtinen on Unsplash 

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