Knabbern

Der Teller neben den halbleeren Biergläsern war voll. Im dämmrigen Licht piepsten die wenigen Garnelen zwischen rote Schoten, die mit ihrer matten Fläche unter dem Strahler einladend leuchteten und das glatte Wesen der Schalentiere schützten. 

Wir saßen in einem gemütlichen Restaurant in der Mitte von Peking, das “South Beauty”, südliche Schönheit, hieß. Außer dem Teller und Bier gab es nichts anders auf dem Tisch. Keinen Reis, der eigentlich nicht so üblich in Gaststätten ist, und kein Gemüse in süßsaurer Soße, die gewöhnlich mit Fleisch und Meeresfrüchten gespeist und nur mit Essig und Zucker zubereitet wird. Wir hatten Bier und Garnelen mit Chili. Doch nachdem wir den Teller sahen, war ganz klar, dass das Gericht Chili mit Garnelen lauten sollte. 

Wir waren hier nicht zum Essen, wir waren hier zum Knabbern. Ein kurzer Besuch und wieder ins Nachtleben der Stadt zurück, das war der Plan. Das Foto in der Speisekarte sah knusprig und köstlich aus, genau, was man von einem Schnellgericht erwarten konnte. Die Biere waren gleich da und nach einer Viertelstunde auch der Teller.

Wir kannten uns mit Stäbchen aus, wir waren doch erfahrene Chinareisende. Die ersten Garnelen fanden wir schnell, sie machten ein schönes weiches Mundgefühl, saftig, nicht verkocht. Lecker, lecker, lecker. Und noch eine. 

Fünfunddreißig Sekunden später explodierte mein Mund. Es fing hinten an der Zunge an, wo man kaum etwas schmecken kann. Für mein Gehirn dauerte es noch fünfzehn Sekunden, bevor ich verstand, dass das wachsende Gefühl in den Backen ein loderndes Feuer war. Natürlich, in diesem Moment war es zu spät. Ich war wie ein Frosch im kochenden Wasser.

Man behauptet oft, dass Bier oder Milch bei brennendem Gefühl hilft, verursacht durch Capsaicin, der Werkstoff in Chili. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Stimmt nicht.

Nach dem Mund wanderte der Hitzereiz in meinen Kopf, die Schweißdrüsen wurden verrückt und versuchten mich zu überfluten. Meine Brille schwebte auf dem Fluss und ich glitt auf den Boden. 

Mein Kumpel erlebte eine ähnliche Wirkung. Die Kellnerin war schon bereit und gab uns Handtücher. Wir standen auf, wischten das Gesicht ab, nahmen die Stäbchen und setzten das Essen fort.

Im Nachhinein muss man sagen: Sie hatte uns ja gewarnt. 

Foto: Pim Myten – Unsplash 

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