Das Puppenkleid

Meine Mutter hatte nie einen guten Geschmack für Mode. Für sie waren Spitzenrüschen, transparenter Nylonstoff und hohe gestrickte Socken der letzte Schrei für Mädchenkleidung.

Mit sieben Jahren trug ich Kleider, die wie Foltergeräte waren.

Normalerweise benutzte ich diese hässlichen Kleidungstücke für besondere Tage; eine Hochzeit in der Verwandtschaft, um in die Kirche damit zu gehen oder für Geburtstagspartys.

Diese Kleider waren aus einem feinen und transparenten Nylon gemacht, fast aus Kunststoff. Der lockere Faden der Nähte pieksten in meine Haut wie kleine Ameisen. Meine Mutter schimpfte mich immer, weil ich mich pausenlos kratzte.

Diese flamboyanten Kleider waren begleitet von Unterhosen mit vielen Reihen Spitzen, die eine Spirale in dem hinteren Teil machten. Das Ziel war nämlich skrupellos. Wenn ich lief, bewegte sich der Rock des Kleides wie eine Glocke. Ich war eine billige und achtzigjährige Version von Marie Antoinette mit schlimmem Geschmack. Mütter können auch grausam sein.

Die gestrickten Socken wurden mit jedem Kleid kombiniert. Meine Mutter strickte jedes Paar: rosa, purpurn, grüne, mit verschiedenen Mustern, gepunktet und mit kleinen Blumen.

Sie hatten in den oberen Teilen Bommeln und eine Schnur, um einen Knoten zu binden. Aber jedes Mal, wenn ich lief, rutschten die Socken herunter und ich musste sie wieder hochziehen.

Jedes Kleid hatte auch Haarschmuck; Kämme mit Blumen oder einer Schleife, die meine Mutter versteckte, fast in meinem Gehirn, zwei Pferdeschwänze, die spannten, die meine Augen nach oben zogen. Plötzlich hatte ich asiatische Vorfahren.

Die Schuhe waren immer weiß, mit kleinen Absätzen und seitlichen Schnallen, die an meinen pummeligen Füßen hingen. Die Schuhe waren hart und unbequem. Sie machten ein wütendes Geräusch, wenn ich auf dem Fliesenboden der Kirche lief.

Am Sonntag musste ich mit all diesem bäuerlichen Prunk für fast zwei Stunden in der Kirche sitzen. Ich habe mein eigenes Fegefeuer gelebt. Mit jedem „Ave María“ und den Versen des neuen Testamentes kratzte ich mich am Hals und dem geschmückten Hintern, während draußen das ganze Dorf unter 35 Grad schmolz.

Am Ende der Messe floh ich nach Hause und mit erstaunlicher Geschwindigkeit zog ich mich um, schnappte mir kurze Hosen und ein altes T-Shirt. Ich war fertig mit dem puppenhaften Auftritt und lief zum Sportplatz, um mit dem schmutzigen Hund des Nachbarn zu spielen, barfuß durch Gras zu laufen und ein echtes und glückliches Mädchen zu sein. Endlich.

Foto: www.pixabay.com

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