Der Tisch

Manche dachten, dass Hanan verrückt war.  Ich hielt sie für genial, einzigartig und außergewöhnlich.  Sie war Professorin für Mathematik an einer Universität in Djiddah.  In ihrer Schulzeit konnte sie zwar nicht lesen, aber alles durch das Hören im Kopf behalten.  Außerdem tanzten die Nummern in ihrem Kopf wie eine Graphik.  Am Ende hat sie ihre Doktorarbeit an einer berühmten Universität in London geschrieben. 

Ich habe sie bei einem Abendessen zum ersten Mal getroffen. Als mein Mann und ich durch die Tür traten, hörten wir schallendes Gelächter.  Am Tisch saßen meine Freundin und ihr Mann, sowie Hanan und ihr Gefährte. Außer Hanan lachten die anderen Tränen.  Alle bestanden darauf, dass Hanan uns die Geschichte noch mal erzählte:

Ich habe ein Haus am Strand.  Im Garten brauche ich einen Tisch. Letzen Monat habe ich einen passenden Tisch in London gekauft und nach Djiddah verschickt.  Der Tisch erinnert mich an das Meer: die Tischplatte aus weißem Marmor und die Beine in der Form einer Meerjungfrau.  Perfekt und romantisch! Letzte Woche habe ich eine E-Mail von der Spedition bekommen. Der Zoll hat meinen Tisch nicht freigegeben, weil die Frau nackt war.

Ich bin sofort zum Zoll gefahren.  Ein Mann mit Bart saß hinter einem Tisch, rauchend, wie ein typischer Saudi. Er suchte meine Lieferung im Computer, dann sagte er ernsthaft, „Madame, Ihr Tisch wird konfisziert.  Sie sind eine Saudifrau.  Sie sollten das wissen. Es ist Harem (Es ist verboten), einen Tisch mit einer nackten Frau zu importieren!“. 

„Aber Monsieur, das ist keine nackte Frau.  Das ist ein Fisch, der nackt ist“, widersprach ich.  Er war schockiert und verwirrt.  Er dachte heftig nach.  Dann nahm er mich mit zum Lagerraum, um genau zu schauen, ob es sich bei dem Tischbein um eine Frau oder einen Fisch handelte.

„Der Schwanz gehört zu einem Fisch.  Warum sollte ein Fisch zwei Brüste haben?“,  fragte mich der Mann. 

Das ist ein weiblicher Fisch“, antwortete ich. 

Der Mann starrte mich an und kämmte seinen Bart mit seinen Fingern, Kopf schüttelnd. „Madame, warum haben Sie nicht einen Tisch mit einem männlichen Fisch gekauft? Damit hätten Sie sich das ganze Drum und Dran sparen können?!“, sagte er mit einem Seufzen.

Ich habe leider keinen gefunden“, sagte ich sofort.  Ich dachte an David von Michelangelo.  Mit seinem nackten Körper wäre es schlimmer.  Unwillkürlich habe ich gelacht. 

„Madame, nehmen Sie das nicht ernst?  Haben Sie keinen Respekt für sich und mich?“, schrie der Mann vor Wut.

  „Tut mir leid.  Ich denke gerade an eine Geschichte, die mit dem weiblichen Fisch zu tun hat.  Haben Sie die Geschichte von Christian Anderson nicht gehört?‘, antwortete ich leise.

Dann habe ich ihm das Märchen erzählt.  Er versuchte, seinen Ärger und seine Ungeduld vor mir zu verbergen. 

„Ich habe keine Lust mehr, mit Ihnen darüber zu diskutieren.  Sie sind eine verrückte Frau.  Ihren Ausweis, bitte!“, schrie er mich an.  Am Ende verlor er die Beherrschung.

Das war doch ein Fisch. Er nahm meinen Ausweis und sah ihn mehrmals an.  „Madame, eine Professorin! Das ist das erste Mal, dass ich eine Professorin in unserem Land getroffen habe!“, sagte der Zollbeamter überraschend voller Respekt. 

„Morgen kommen Sie mit einem Brief von der Universität, um zu bestätigen, dass die Skulptur, ah ja, das Bein, ein weiblicher Fisch ist.  Danach können Sie ihn nach Hause mitnehmen!“, deklarierte der Mann.

Zuhause habe ich ihm sofort einen Brief geschrieben.  Am nächsten Tag stempelte die Sekretärin des Dekans den Brief mit dem Siegel der Universität.  Dann fuhr ich wieder zum Zoll.  Heute morgen habe ich schon das Frühstück auf dem Fischtisch in meinem Garten am Meer genossen.  Herrlich! Das Leben ist wunderbar.  Nächstes Mal habe ich einen Grund, einen Tisch mit „David“ nach Saudi zu bringen.  Wer sagt, dass Frauen in Saudi Arabien keine Rechte haben?

Eine unglaubliche Geschichte in diesem Königreich!  Mein Mann und ich lachten uns zu Tode.  Meine Freundin zwinkerte mir zu und sagte langsam: „Das ist nur eine von vielen Geschichten. Möchtest du mehr erfahren?“.

Foto: www.pixabay.com

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