Frau Nenno

Meine Eltern waren fast ein Jahr getrennt. Die ersten Monate kam mein Vater nur für wichtige Angelegenheiten nach Hause, zum Beispiel, wenn ich und meine beste Freundin, nur um zu spielen, einen kleines Stück Schaumstoff aus einem Sitz des Schulbusses rissen.

Es endete mit einer Geldstrafe, und mein Vater sollte für die ganze Polsterung des Sitzes bezahlen. Er war wirklich wütend. Wie konnte ich das wissen? Wenn mein Vater echt zornig ist, faltet er seine Zunge, wie einen Strohhalm, den er aus seinem Mund streckt; als er mit der gleichen Geschwindigkeit reißt die Augen auf, wie rote Ampel.

Aber mit der Zeit ließen mein Vater und meine Mutter die Problemen hinter sich und er fing an oft Zuhause vorbei zu kommen, und damit konnten wir langsam eine „normale“ Familie werden.

Wie in allen kleinen, zu kleinen Dörfern kannten die Leute alle Einzelheiten des Privatlebens. Es gab eine Gruppe alte Frauen, die eine Art moralische Polizei war. Sie halluzinierten, über eine göttliche Macht zu verfügen, mit der sie die Sinne anderer Menschen beeinflussen könnten.

Damals war es nicht gut angesehen, wenn ein geschiedenes Ehepaar plötzlich wieder zusammen war. Ein großer Skandal! Deswegen besuchte mein Vater unser Haus fast heimlich und wie ein kleiner Dieb trat er durch die Hintertür ein.

Eines Tages waren wir drei in der Küche, als jemand an der Tür klopfte. Mein Vater lief schnell, um sich im Kleiderschrank zu verstecken.

Vor unserer Tür war Frau Nenno; ein eigentlicher Aufpasser der ländlichen Moral, die oberste weltliche Autorität Gottes. Ich habe keine Angst zu schwören, dass sie Rosenkratzperlen um den Hals trug, eine alte Bibel und eine Flasche mit heiligem Wasser im ihrer Tasche hatte. Sie kam, um einen Exorzismus durchführen!

Meine Mutter hielt sie vor der Tür fest, aber sie bestand darauf einzutreten.

Frau Nenno setzte sich in unser Wohnzimmer und redete darüber, wie schwierig es für meine Mutter mit einer Tochter alleine wäre und warum es wichtig sei, die Empfehlungen von Papst Johannes Paul II zu folgen: Eine geschiedene Frau sollte Gott ihr Leben widmen!

Nach zehn unbequemen Minuten fragte sie nach der Toilette. Meine Mutter dachte erleichtert, dass sie danach endlich gehen würde.

Mein Vater, der schon fast 20 Minuten im Kleiderschank versteckt war, dachte auch, dass die Schweigsamkeit ein Signal wäre, dass zu guter Letzt Frau Nenno rausgegangen wäre.

Als mein Vater entschied, sein Bein aus dem Schrank zu strecken; ging auch Frau Nenno aus dem Bad und sah überrascht, wie das Bein eines Mannes die Zehen auf den Boden zu legen versuchte.

Sie bekreuzigte sich und mit einem „Ave María“ ging sie rasch nach draußen, ohne sich zu verabschieden. Wir drei sahen durch das Fenster zu, wie Frau Nenno auf die Straße runter lief, als ob sie von hundert Bienen verfolgt würde.

Später verbreitete sich ein Gerücht: Meine Mutter hätte Männer in allen Möbeln des Hauses versteckt, um ihren abartigen Neigungen nachzugehen.

Tatsächlich wohnten wir in einem kleinen Dorf. Viel zu klein.

Foto: www.shutterstock.com

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