Zeit der Eisblumen

von Ekaterina Orlova

Ich hasste es, wenn das Thermometer am Fenster in der Küche -52 Grad zeigte. Da das Fenster gefroren war, war ich nicht sicher darüber. Deswegen wollte ich mich vergewissern. Ich schaltete den Rundfunk ein, um die Wettervorhersage zu hören. Da es früher kein Internet gab, war das die einzige Möglichkeit, richtige Informationen zu bekommen. Ich erstarrte vor Erwartung. Trotzdem war es wirklich -52 Grad. Das heißt, ich musste zur Schule gehen. Bei -54 Grad brauchten die Schüler der elften Klasse nicht zur Schule zu gehen. Ich zog also enttäuscht die Pelzstiefel, danach den Pelzmantel und die Pelzmütze an, nahm meinen Rucksack und ging raus. Mich traf die morgendliche kalte, trockene Luft. In fünf Minuten begann meine Nase zu frieren. Ich wurde gezwungen, meine Brille abzusetzen, obwohl sie Dioptrie -5 hatte. Ich legte sie in die Manteltasche. Sie war in dieser Zeit nicht hilfreich. Wegen des starken Nebels und morgendlicher Dunkelheit waren die Gebäude und Menschen schlecht erkennbar. Darüber hinaus kannte ich den Weg schon gut.

Der Schnee knirschte unter meinen Sohlen. Hrumm Hrumm Hrumm Hrumm.

Als ich nach der Schule zu Hause ankam, war mein Vater neben dem Haus. Er entfernte den Schnee vom Klumpeneis, das links vom Eingang des Hauses lag, um es so bequemer und schneller ins Haus bringen zu können. Meine Familie hatte ein eigenes Haus aus Holz mit einem Grundstück. Da es aber keine Wasserleitung hatte, musste mein Vater jeden Winter zu einem See fahren. Er sägte Klumpeneis vom gefrorenen See ab. Dann lud er das Eis auf seinen LKW auf und lud es neben unserem Haus ab.

Während unseres Gespräches stand ich daneben und schaute, wie gewandt er mit der Axt und dem Eis umgehen konnte. Wenn die Axt das Eis berührte, knirschte es wie Schlittschuhe auf dem Eis. Wir traten zusammen ins Haus. Ich hielt für ihn die Tür, während er ein Eisstück trug. Mein Vater ging durch die Küche in einen kleinen Raum und tauchte ihn in das Wasser von einem Fass ein. Das Eis barst mit einem lauten Knall.

Ich zog die Oberbekleidung ab und ging zum Fass. Es war fast voll, ungefähr 200 Liter. Deswegen war es gut zu beobachten, wie das oben schwimmende Eis schmolz. Ich mochte es. Es war voller Rinnen und sie entstanden wieder und wieder.

Ich nahm ein Messer und brach ein paar Stückchen vom Eis für ein Getränk aus Preiselbeeren ab.

Ein bisschen später, als der Vater den Ofen geheizt hatte, wurde es zu Hause warm. Unsere Katzen wollten deshalb spazieren gehen. Markisa und Kescha hatten fast keine Ohren wegen derartiger Fehler. Nach meiner langen Überredung, dass es zu früh und draußen noch kalt sei, blieben sie stur. Und wollten auf jeden Preis raus gehen. Aber wenn die Tür geöffnet wurde und eine weiße frostige Wolke an ihre Schnauzen stieß, liefen sie von der Tür weit weg.

Am Abend kam meine Mutter von der Arbeit. Wegen des starken Frostes war ihr Kopf komplett im Raureif: die Wimpern, die Augenbrauen, die ihre Stirn bedeckende Mütze und der ihre Lippen und Nase bedeckende Schal.

Wir aßen zu Abend, währenddessen entdeckten wir die schönen Eisblumen am Fenster.

Ich vermisse diese Zeit.

Foto: smut.jee

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