Online-Unterricht. Anfang.

Wenn wir nicht die Pandemie hĂ€tten, hĂ€tten wir nie erfahren, dass die Kinder es eigentlich gar nicht brauchen, in die Schule zu gehen. Es lĂ€uft zu Hause genauso gut. Wahnsinn. Wenn das nur immer so wĂ€re, wĂŒrden die Eltern gar nicht zwölf Jahre lang auf so viele gĂŒnstige Urlaube verzichten mĂŒssen, nur weil sie das Kind fast das ganze Jahr hindurch in die Schule bringen mĂŒssen. Blöd nur, dass wĂ€hrend der Pandemie auch niemand verreisen darf. Gemein. Aber allein nicht in die Schule zu gehen, ist herrlich. Das Kind schlĂ€ft sich aus, gemĂŒtlich und mit guter Laune erledigt es in wenigen Stunden seine Hausaufgaben und hĂŒpft dann fröhlich den ganzen Tag auf dem Trampolin oder liest seine LieblingsbĂŒcher.

So dachte ich zumindest, bis eines Tages das Eltern-Portal einen Drohbrief ausspuckte. Morgen seien alle verpflichtet, am Online-Unterricht teilzunehmen. Na schön. Ein Notebook hat unsere Tochter bereits zu ihrem Geburtstag bekommen. Sehr clever von uns.

Am nĂ€chsten Tag zeigt mein Mann ihr, wie das funktioniert und geht zur Arbeit. Ich verziehe mich auch ins BĂŒro und vertiefe mich in meine Arbeit.

„Mama!!!“

Ich zucke zusammen. Dieses „Mama“ klingt nie nach etwas Gutem, besonders jetzt nicht. Ich zwinge mich, ins Kinderzimmer zu gehen. Hat ein Dompteur auch jedes Mal Angst, wenn er den KĂ€fig betritt?

Also. Der Link funktioniert nicht. Und der Computer will etwas, dass meine Tochter ihm gar nicht geben kann. Und der Unterricht fĂ€ngt in fĂŒnf Minuten an. Wunderbar. Der Tag könnte nicht besser laufen.

Mein Mann hat doch versprochen, dass er alles geregelt hatte! Und jetzt ist er nicht erreichbar. Er hat eine Besprechung. Also bin ich der stellvertretende IT-Spezialist. Und ich bin so ein IT-Spezialist wie… Na gut.

Wir drĂŒcken zusammen auf den Link, geben den Benutzernamen und das Passwort ein. Und bekommen das Gleiche heraus. Der Link kann nicht geöffnet werden, da uns etwas fehlt.

Meine Tochter ist schon den TrĂ€nen nahe, aber ich versuche ruhig zu bleiben. Ich lese noch mal den Brief der Lehrerin: „Fertige deinen Arbeitsauftrag bis Donnerstag 30.4. an, so dass wir ihn anschließend um 09:30 Uhr in einer Videokonferenz besprechen können. Ich freu mich schon darauf euch zu sehen Link: https://app.alfaview.com…“ Vier Interpunktionsfehler und ein Schreibfehler. Gut, dass sie nicht Deutsch unterrichtet. Ich probiere es noch mal aus. Vergebens.

Meine Tochter fÀngt an zu weinen. Der Unterricht hat bereits begonnen.

Wie war das noch mal in dem Witz, den ich neulich gelesen habe? Das Hauptmerkmal von einem guten IT-Spezialisten ist sein phlegmatischer Charakter. Sehr phlegmatisch gehe ich zu meinem Notebook und versuche dort den Link zu öffnen. Auch nichts.

Ich bin ein cooler IT-Spezialist mit einem super coolen phlegmatischen Charakter.

Ich suche das Tablett von meinem Mann, dann das LadegerĂ€t, dann noch die Möglichkeit, einen Link zu kopieren. Sehr phlegmatisch tippe ich auf dem Tablett alle benötigten Buchstaben und Ziffern ein. Klar, ein Passwort soll entsprechend sicher sein. Um Gotteswillen, wenn jemand es hacken und unberechtigt am Mathe-Unterricht teilnehmen wĂŒrde. Vergebens. Der Link funktioniert nicht.

Scheiß auf IT-Spezialisten. Ich suche im Internet den Kunden – Support von diesem Programm und rufe an. Eine super nette und ruhige Frauenstimme fragt:

„Was kann ich fĂŒr Sie tun?“

Oh ja, meine Liebe, du kannst sehr viel fĂŒr uns tun. Bitte, zaubere, dass meine Tochter sofort an ihrem verfluchten Online-Unterricht teilnehmen kann. Oder mach lieber, dass wir davon noch nie etwas gehört haben. Und schick uns zum Meer. Weißt du, weißer Strand, Liegen unter Palmen und fĂŒr mich bitte noch ein Glas mit etwas Beruhigendem.

NatĂŒrlich sage ich das nicht, sondern erklĂ€re ihr alles von vorne: dass meine Tochter an einem Online-Unterricht teilnehmen soll, aber der Link funktioniert nicht und wir verstehen nicht, warum.

Die Stimme der Frau ist wie aus meiner TrĂ€um-was-schönes-Meditation. Wir mĂŒssen auf die Website gehen, das entsprechende Programm fĂŒr unser System herunterladen, installieren und dann sollte alles einwandfrei funktionieren. Sonst dĂŒrfen wir sie wieder und wieder anrufen, bis wir alles hinkriegen. Aha.

„Danke.“

Ich lege auf. Ich gehe zum Laptop meiner Tochter. Ich lade runter, ich installiere. Ich bin unglaublich stolz auf mich, da ich das erste Mal in meinem Leben etwas unter Linux installiere.

Meine Tochter schluchzt nicht mehr, sondern starrt auf den Monitor. Atem anhaltend öffnen wir den Link. Das Programm fĂ€ngt an sich zu öffnen und schließt sich plötzlich von allein. Nein! Wir probieren es noch einmal. Vergebens.

Vom Unterricht sind nur noch 20 Minuten ĂŒbrig. Ich gehe zu meinem Laptop. Ich suche das Programm auf der Seite. Ich lade herunter. Ich installiere. Ich suche den Link. Ich tippe den Benutzernamen und das Passwort ein. Das Programm fĂ€ngt an sich zu öffnen und ist genauso gleich wieder weg.

Der Unterricht ist zu Ende. Ich freue mich, dass ich nach meiner Schulzeit nicht den IT-Beruf gewÀhlt habe. Sonst könnte ich nur im Bereich Wettervorhersage arbeiten. Nur dort kann man sich hundertmal am Tag irren und trotzdem bezahlt werden.

Am nĂ€chsten Tag soll meine Tochter wieder an einem Online-Unterricht teilnehmen. Ich wache extra frĂŒh auf und stelle mich den beiden in den Weg. Eigentlich hat mein Mann gestern Abend alles bereits installiert. Es waren nur ein paar Updates. Und, warum auch immer, das WLAN musste neu gestartet werden. Wie kommen eigentlich alleinerziehende MĂŒtter damit zu recht? Ich mache mich breit im TĂŒrrahmen.

„Hast du ihr gezeigt, wie das funktioniert?“

„Hast du alles verstanden?“

Beide nicken eifrig. Na gut. Ich atme erleichtert auf.

„Du solltest das Ding mindestens eine viertel Stunde frĂŒher einschalten!“, mahne ich meine Tochter noch.

„Ja, Mama.“

Trotzdem kann ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Alle zehn Minuten schaue ich auf die Uhr. 20 Minuten vor dem Unterricht rufe ich, dass sie es jetzt öffnen soll.

„Ja, Mama.“

Ich schließe mich wieder im BĂŒro ein. Bitte, lass es heute gut gehen. Ich tue nichts. Ich lausche und bete. Zehn Minuten vor dem Unterricht. Alles ist ruhig. FĂŒnf Minuten vor Unterricht.

„Mama, ich kann die anderen nicht hören!“

Ich rutsche unter meinen Schreibtisch und stelle mich tot. Nach langen Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, höre ich meine Tochter wieder rufen:

„Keine Panik, es ist alles in Ordnung!“

Erleichtert krieche ich unter dem Tisch hervor. Gott, ich danke dir.

Foto: www.pixabay.com

Falls Sie einen Rechtschreibfehler finden, teilen Sie uns dies bitte mit, indem Sie den Text auswĂ€hlen und dann Strg + Eingabetaste drĂŒcken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: