Die Insel der einsamen Männer

Ein kleines Schiff fährt uns auf dieses grüne Landstück, das von großen und herausfordernden Wellen umgeben ist.  Jetzt ist die kleine Insel mit Mandelbäumen und Palmen bedeckt, aber für mehr als ein Jahrhundert war dieses tropische Paradies ein Zeuge von Brutalität und Folter.

In der Mitte des Pazifisches Ozeans liegt eine dunkle Episode der Geschichte Costa Ricas. 1873 baute die Regierung das Gefängnis San Lucas; ein barbarischer Ort für die finstere Seite der damaligen Gesellschaft: Räuber, Mörder, Zoophile, Homosexuelle und Vergewaltiger wurden dort gefangen gehalten. Kein Menschrecht anerkannt.

1991 entschied das Justizministerium das Gefängnis zu schließen und die Insel zu einem Naturschutzgebiet zu erklären. Sie ist jetzt eine historische Attraktion und es gibt ein vielfältiges Tourenangebot, um den Platz zu besuchen.

Nach einer 40 minütigen Fahrt erreichen wir den kleinen Hafen.

In der Mitttaghitze liegen die Brüllaffen auf den Zweigen der Bäume. Sie essen faul die Mandelblätter und kleine Stücke fallen rhythmisch von oben auf den Boden. Andere springen zwischen die Zweige und ein Weibchen trägt mit Feingefühl ihr kleines Baby auf ihrem Rücken.

Das Geräusch der Zikaden ist überall und die Luft ist schwer zu atmen, sie ist so nass; eine Kombination von Meersalz und Feuchtigkeit. Am Ende des Weges, der vom Hafen nach oben geht, kann man das erste verlassene Gebäude sehen.

Dieses Gebäude ist ironischerweise eine kleine Kirche. Wie konnte Gott an diesem grausamen Platz verbleiben?

Ein bekannter Schriftseller nannte die Insel San Lucas „Die Insel der einsamen Männer“. Man kann sich nirgends so allein wie auf diesem Landstück fühlen.

Verschiedene Abteilungen mit Zellen stehen neben der Kirche, wo die Gefangenen ihre Tage verbringen sollten. Es ist ein gruseliges Erlebnis in diese Räume einzutreten. Es ist unmöglich, an die Traurigkeit und das Schicksal dieser Menschen nicht zu denken. Es ist unmöglich, das vergangene Leiden in der Luft nicht zu empfinden.

Die Wände sind voll mit Graffitis. Einige sind über religiöse Themen und fragen nach der Gnade Gottes. Andere wurden gemalt, damit die Menschen sich selbst vor dem entsetzlichen Alleinsein retten konnten.

Nackte Frauen, Frau mit Bikinis, ein Paar beim Sex. Einige Damen haben eigene Namen und Persönlichkeit, wie „Rosaura“. Sie posiert unbekleidet an der schmutzigen Wand, mit offenen Beinen, ihr rechter Arm hinter dem Kopf und enorme Brüste.

Diese Zeichnungen ohne künstlerischen Wert, waren das einzige Zeichen der Hoffnung für diese Männer. Männer zur Hölle verurteilt.

Der Autor León Sánchez wurde nach San Lucas geschickt wegen des mutmaßlichen Raubs des Schmuckes von „La Virgen de los Ángeles“, der wichtigsten Madonnenfigur des Landes. Er verbrachte 30 Jahre an diesem verdammten Ort.

In seinem Roman erzählte er die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die armen Insassen überlebten: wenig Essen, Krankheiten, nur eine Stunde Sonnenlicht pro Tag, keine Toilette und verschieden Arten der Folter. Streichhölzer wurden an seinen verfallenen Backenzähnen und dem Zahnfleisch ausgelöscht und als Bestrafung sollte er für fast einen Monat in „dem Ofen“ bleiben.

Im Zentrum der Anlage steht eine Betonoberfläche, die in ihrem Zentrum ein Loch hat. Am Anfang wurde diese Struktur im Sommer wie ein Wassertank genutzt; aber die Gefängniswärter hatten eine andere Idee.

Die Insassen wurden nach „schlechtem Benehmen“ dort für 21 Tage versteckt, ohne Wasser oder Essen, in Dunkelheit. Mitten im Sommer mussten die Menschen Temperaturen bis 40 Grad ertragen. Viele bevorzugten zu sterben als einen Tag länger in diesem Fegefeuer zu leben.

Die Zellen des ehemaligen Gefängnisses haben immer noch Gitter, die von der salzigen Luft rostig sind. Man kann sich leicht vorstellen, wie Dutzende Menschen durch diese Eisentüren schrien und um Gnade baten.

Nach 20 Jahre hat die Natur diesen Platz für sich reklamiert. Wurzeln wachsen durch die Betonblöcke, Schlange kriechen zwischen den trockenen Blättern auf dem Boden des Waldes und man muss auf die Spinnen und Skorpionen achten, die überall auftauchen können. Nur die Natur könnte die Stimmung der Insel eines Tages verändern.

Mit dem Sonnenuntergang treten die Strahlen durch die Risse an der Wand der Häuser und das gebrochene Glas der wenigen Fenster ein. Jetzt bemerkt man die riesigen Spinnennetze, die auf jede Ecke übergegriffen haben.

Fledermäuse flattern in dem Halbschatten, verzweifelt, in Erwartung auf die komplette Dunkelheit.

Ich gehe zum Strand an der Südseite der Insel. In den milden Temperaturen sind die Affen nochmal aktiv. Sie brüllen und spielen in der Bäumen und Palmen wie harmlose Kinder.

Der Strand ist voll mit Luftblasen, von kleinen Krabben, die sich selbst in den Sand eingruben und sich auf die nächste Welle vorbereiten.

Ich kann in diesem Moment deutlich spüren, wie die Erde sich selbst von Schmerz und Pein heilen kann.

Dort, als ich von türkisenem Wasser umgeben war, wusste ich sofort, dass einige Orte ohne Menschen bleiben sollten und eine tiefe Wunde sich im Lied tropischer Vögel, im Spiel der Affen und unter dem Schaum der Wellen schließen kann.

Foto: https://blog.micahbrubin.com

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