Die Bürolampen

Ich erblicke die Deckenlampen des Büros am Himmel zu reflektieren. Die quadratförmigen Lichtflecken reihen sich aneinander und führen weit bis zu dem im Hintergrund erscheinenden Sonnenuntergang. Als ob sie aus dem Büro ausbrechen möchten und auf das elementare Licht der Sonne zulaufen wollen würden. Einige von ihnen sind noch groß. Sie weiten sich vorsichtig vom Büro aus, die anderen sieht man schon kaum. Sie sind schon weit gelaufen und haben die Sonne fast erreicht. Einige Bürolampen sind vielleicht schon mit dem Sonnenuntergang verschmolzen und sind für ewig verschwunden.

Ich bewundere sie. Sie haben Mut, ihr Schicksal zu verändern. Sie waren ans Dach des Gebäudes befestigt, sie kennen keine andere Welt außer dem Bürogebäude. Sie sind nur Lampen. Niemand hat ihnen je gesagt, dass sie etwas daran ändern können und trotzdem gehen sie los, als ob sie immer gewusst hätten, dass sie zu dem großen Licht gehören.

Ich stehe unbeweglich am Fenster. Ich kann meine Augen nicht von den Bürolampen und dem Sonnenuntergang abwenden. Ich wünschte, ich könnte auch ausbrechen und in das Unbekannte weggehen, aber meine Beine kleben an den Boden. Wie kann eine am Dach befestigte Bürolampe so einfach losgehen und ich habe die Kraft in den Beinen nicht. Ich bin ein Mensch mit Willen und Wissen und kann trotzdem an meinem Schicksal nichts ändern. Was hält mich fest? Warum kann ich nicht weggehen?

Ich bleibe noch 10 Minuten am Fenster stehen. Dann gehe ich zur Wand, wo der Lichtschalter ist. Ich blicke ein letztes Mal auf die Lichtflecken, dann drücke ich auf den Schalter. Die Lichter verschwinden für ewig.

Foto: www.pixabay.com

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