Manchmal reicht ein Funke

von Sarah Bongartz

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 fĂŒr Jugendliche

Geschlossene Jalousien. Das Licht blendet, wenn es eintritt. In mich, meine Augen trĂ€nen. Es dauert Stunden, bis ich mich dazu ermutigen kann, die Bettdecke und mich zu erheben. Einen Fuß von der Kante zu setzen, mich aufzusetzen. Meine mĂŒden Knochen drĂŒcken mich immer wieder zurĂŒck zu ihr. Sie sagen, ,,heute ist kein guter Tag, lass uns lieber liegen bleiben.“ Und jedes Mal gewinnen sie wieder.

Die Zeit spielt keine Rolle mehr, wenn man Tag und Nacht in der Dunkelheit hinter geschlossenen Jalousien verbringt. Sich verschließt, vor dem Licht, weil man Angst hat, es könnte einen verbrennen. Kreisende Gedanken drĂ€ngen einen zurĂŒck. Ich versuche vor mir zu fliehen, in dem ich mich einsperre, obwohl ich dann erst recht Zeit mit mir verbringen muss, weil ich niemanden mehr habe, mit dem ich sonst Zeit verbringen könnte. Ich denke daran zurĂŒck, wie es noch vor Monaten war. Jeder Tag war anders, die Sonne begrĂŒĂŸte mich jeden Morgen, wenn ich die Jalousien öffnete, mit einem gewaltigen LĂ€cheln. Ich saugte sie auf wie ein Schwamm, und wenn sie abends verschwand, spĂŒrte ich immer noch ihre WĂ€rme. Öfter denke ich daran, ob ich mir vielleicht Hilfe suchen sollte, aber ich verwerfe den Gedanken jedes Mal. Es ist nur eine Phase. Vielleicht stehe ich morgen einfach wieder auf, heute nicht. Heute bleibe ich liegen, drehe 1mich um und starre eine andere Wand an, bis meine Gedanken auf diese projiziert werden und ich mir selber Geschichten aus meinen Gedanken vorlesen kann. Geschichten darĂŒber, wo ich den Funken in mir finden kann, der vor langer Zeit erloschen sein zu schien. Dieser Funken lĂ€sst mich einfach nicht in Ruhe, ich dachte, ich könnte ihn in Flaschen finden. Vor Monaten noch fand ich ihn in Arbeitskollegen, Freunden, in mir. Dann dachte ich, ich könnte ihn in Flaschen finden, noch vor Monaten


Vielleicht sollten meine Knochen heute nicht gewinnen. Vielleicht ist es an der Zeit, nach Wochen, einfach aufzustehen und die Jalousien zu öffnen. Ich fange laut an zu lachen bei dem Gedanken, da mich mittlerweile sogar mein Körper verspottet, und frage mich dann, wo mein Mut hin ist. Habe ich ihn draußen auf der Bank vergessen, als ich das letzte Mal dieses Loch verlassen habe? Vielleicht wartet er draußen auf mich. Vielleicht

sollte ich auf mich warten, wenn niemand anders auf mich wartet. Vielleicht brauche ich doch Hilfe. Ich sollte mich wieder aufrichten, nach einem langen Atemzug gebe ich die Suche nach meinem Mut auf, weil ich begreife, selber zum Mut werden zu mĂŒssen, bevor ich endgĂŒltig eins mit meiner Matratze werde. Ich stelle mir vor, wie groß der Abdruck von meinem Körper auf der Matratze wohl sein wĂŒrde, wenn ich jetzt aufstehen wĂŒrde, aber ich will es zumindest versuchen.

Erst der rechte Fuß, dann der linke. Vorbei an den Flaschen, zum Fenster. Ich ignoriere meinen lachenden Körper und öffne die Jalousien in der Hoffnung, die Sonne wieder zu sehen. Und obwohl es die Sonne oder die Erde nicht interessiert, ob ich hier bin oder nicht, und obwohl sie sich unabhĂ€ngig davon, ob ich mich drehe, einfach immer weiterdrehen wird, möchte ich sie heute begrĂŒĂŸen und sagen ,,ich habe es geschafft.“ und das tue ich. Ihr Licht blendet mich, saugt mich ein, aber es verbrennt mich nicht. Und ich reiße alle Jalousien auf, alle Fenster und 2 begreife, dass ich zu lange hier war, um mich alleine um 180 Grad drehen zu können, jedoch ist der Funke wieder da. Vielleicht war er nie weg. Vielleicht greife ich einfach zum Telefon und rufe jemanden an, damit er mir hilft. Ich gehe zum Spiegel und starre meine roten AugenrĂ€nder an, dann sage ich zu mir selbst ,,es reicht jetzt.“

Einen Tag spÀter sitze ich in einem Stuhlkreis voller Menschen, die mindestens genauso ausgelaugt vom Leben sind wie ich. Menschen, die es verstehen, wenn ich nichts sage und es verstehen, wenn ich nicht aufhören kann zu reden. Menschen, die eines Tages genauso mutig waren wie ich und ihren Mut tÀglich beweisen, in dem sie die Jalousien öffnen.

Vielleicht reicht ein Funke aus, um ein Feuer zu entfachen. Und vielleicht, wenn sich viele Funken zusammen schließen, kann man seinen ganzen Wald voller Sorgen gemeinsam niederbrennen und lachend gemeinsam um das Feuer tanzen lernen.

Foto: www.pixabay.com

Falls Sie einen Rechtschreibfehler finden, teilen Sie uns dies bitte mit, indem Sie den Text auswĂ€hlen und dann Strg + Eingabetaste drĂŒcken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: