Das, was war, ist nicht jetzt

von Martina Weber

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Es riecht hier nach Rosen. Immer noch. Dabei sollte die kühle Leichtigkeit des Winterwindes doch selbst die kleinsten abgefallenen und zwischen anderem Laub liegenden Rosenblättchen verblasst haben. Farblich und geruchlich. Ich knie mich hin, ignoriere den Schmerz und ziehe an meinem Handschuh, um ihn auszuziehen. Ich möchte das Rosenblatt an meiner Haut spüren. Ich möchte wissen, ob es noch immer so weich ist und ob so sanft. Fast besser als jedes Streicheln oder jeder gestohlene Kuss zwischen Grabsteinen.

Es riecht hier nach nichts.

Ich höre irgendwo eine Krähe. Es ist kalt, und irgendwas schmerzt. Ich richte mich auf. Gehe weiter.

Weißt du, irgendwie ist alles anders, später, wenn der Moment vorbei ist, weil andere Sachen in die Erinnerungen pfuschen. Alles wird, sobald vergangen, zu einer Erinnerung, die irgendwann zerfällt. Nehme ich an. Aber es ist so. Sonst würde ich doch viel mehr wissen. Zum Beispiel, wo genau wir in dieser Nacht standen. Hier. Das weiß ich. Hier auf dem Friedhof. Das weiß ich. Hier, in dieser Ecke, wo der alte Teil in den neuen übergeht und das Friedhofsgebiet in die Felder. Hier hast du mir diese Münze gegeben. Was sollte das?

Ich spüre sie kalt auf meinem Schlüsselbein. Seit der Nacht habe ich sie kein einziges Mal abgelegt. Jetzt bist du weg, fremde Stadt, fremde Uni, fremder Du, aber sie ist noch da. Und wird wahrscheinlich auch noch da sein, wenn ich weg bin, selbst wenn sie sich zwischen verblassten abgestorbenen Rosenblättchen versteckt.

Es ist dunkel. Fast schwarz. Nur schemenhaft kann ich Bäume und Wege und Gräber ausmachen. Der Himmel leuchtet in einem tiefen Dunkelgraublau mit vereinzelten Sternen.

„Ich finde es schön, dass wir Freunde sind“, sage ich aus einem plötzlichen Impuls heraus.

„Ich auch.“

Schweigen breitet sich wie eine warme Decke über uns. Als würde der Himmel hinab sinken.

„Am Anfang hast du mich verwirrt“, gestehe ich. „Ich fand dich schon immer schön, aber deine Schwingungen sind so . . . ambivalent. Ich konnte sie lange Zeit nicht zuordnen. Ich habe dich nicht verstanden, ich wollte dich zwar kennenlernen, aber du warst ziemlich unnahbar. Obwohl du ein sehr offener Mensch bist. Das hat mich irritiert.“

„Meine Schwingungen sind ambivalent?“ Er klingt ehrlich interessiert. Vielleicht auch ein bisschen verunsichert.

Ich nicke, dann fällt mir ein, dass er das in der Dunkelheit ja schlecht sehen kann. „Du scheinst mit der halben Schule befreundet zu sein. Du umarmst ständig irgendjemanden. Und dann wiederum hast du Angst. Angst, zu sprechen, ehrlich zu sein, Referate zu halten. Diese Haltung hat mich fasziniert, aber ich habs nicht verstanden. Dann habe ich irgendwann gedacht, dass du in deinem Inneren eigentlich ein ganz einsamer Mensch bist. Stimmt das?“

Lange Zeit sagt er nichts. „Ich nehme an . . . ja.“

„Manchmal habe ich das Gefühl, du spielst nur eine Rolle. Und du bist gut, wirklich gut. Aber . . . es ist schwer, das auszuhalten.“ Ich mache eine Pause und lasse meinen Blick über drei rot flackernde Grablichter wandern, die einen Grabstein umstehen. „Deswegen bin ich gestern einfach so gegangen. Entschuldige bitte. Aber ich – Ich konnte einfach nicht mehr.“

Ich spüre, wie seine Finger meine streifen. Ich halte seine Hand fest.

„Es ist okay, du brauchst dich nicht dafür zu entschuldigen.“

Ich bleibe stehen und versuche, sein Gesicht in der Dunkelheit auszumachen. „Du solltest nicht einsam sein. Ich bin immer für dich da, okay? Wirklich immer.“

Er drückt meine Hand, lässt aber nicht los. „Ich bin immer für dich da.“

„Wenn wir zusammen sind, bin ich nie einsam“, sagt er dann, und seine Stimme klingt so zerbrechlich, als wäre sie aus Glas, als wäre er nackt, und ich glaube, in dem Moment ist er das auch.

Ich spüre, wie sich etwas Warmes in mir ausbreitet. „Das ist bei mir genauso.“

Seine Daumen streichelt meinen Handrücken, während er mich an sich zieht und in mein Haar atmet. Die Luft ist plötzlich anders, schwerer. Etwas zieht mich zum Boden. Ich löse mich von ihm und schaue ihn an, seine Augen so tief in dieser kalten Nacht. Mein Herz schlägt zu schnell. Ich will mich nicht bewegen. Ich versuche, seine leicht geöffneten Lippen zu ignorieren, und muss ein paar Mal blinzeln. Sein Blick zuckt.

Als ich später nach Hause gehe, ist mein ganzer Körper warm und mein Atem immer noch zu laut. In meiner Jackentasche ist eine heimliche Münze.

„Ich vermisse dich“, sage ich flüsternd, während der Regen meine Jacke durchweicht, meine Haare an den Kopf drückt, mir ein Schauer über den Rücken läuft und ich plötzlich nicht mehr wütend sein kann, aber auch nicht mehr traurig; ich kann nicht mehr fühlen als diese Leere, ich kann nichts mehr fühlen, ich will nichts mehr fühlen, ich weiß nur, dass ich gesprochen habe, meine Gefühle im Tausch mit meiner Stimme.

Manchmal bleibt alles ruhig, selbst wenn man sich einen Sturm wünscht, etwas Berstendes, etwas Lautes, etwas Bedeutsames, aber bei mir ist nur Stille. Nur Stille zwischen uns.

Das Rosenblatt zerfällt in meiner bloßen Hand, und es ist immer noch kalt.

Foto: www.pixabay.com

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