Schillers Freiheit

Ein trockenheißer Sommerabend, doch unser Klassenzimmer ist wegen der Klimaanlage eiskalt. Unsere Deutschlehrerin macht die TĂŒr auf. Da vor der TĂŒr liegt Schiller. Vom Licht und der kalten Luft erstaunt, steht sie plötzlich auf und ĂŒberprĂŒft die Situation. Sie spaziert ins Zimmer, behaglich, schlendert leise zwischen Tische und StĂŒhle, findet den kuscheligsten Rucksack, legt sich darauf, dreht sich zur Seite, kratzt ihren RĂŒcken mit ihrer Vorderpfote und langsam schließ sie ihre Augen. Sie döst. Ab und zu macht sie ihre Augen halb auf, gĂ€hnt und sinkt wieder ins Nirvana. Darf ich vorstellen: Schiller, die Katze, die Königin des Goethe-Instituts in Kairo.

In der Pause sucht sie Osama, um mit ihm zu spielen. Osama ist ein wahnsinnig hĂŒbscher Kerl. 1,88 Meter, perfekt gebildeter Körper, olivfarbige Haut mit einem sorgenfreien LĂ€cheln. Er hat Restauration an der UniversitĂ€t studiert und findet keine Arbeit. Jetzt ist er Schwimmlehrer und ReisefĂŒhrer und möchte nach Deutschland, um weiter zu studieren und dortzubleiben. Sein Charme zieht sogar Schiller an. Offensichtlich offenbart sie ihre Liebe zu ihm. Sie hĂŒpft durch den Gang zu ihm und leckt seine Schuhe. Osama zieht einen Ball mit einem Seil hoch und nieder. Das KĂ€tzchen springt unermĂŒdlich, um den Ball zu greifen. Sie spielen bis zum Ende der Pause. Osama deutet auf seine Armbanduhr, seufzt, schĂŒttelt seinen Kopf, steckt den Ball in die Hosentasche und winkt ihr zu, „Bis nĂ€chstes Mal, Schiller!“ Sie zwinkert, dreht sich um und verschwindet in den dunklen GĂ€ngen.

In der Kantine genießt Schiller ihre Mahlzeit. Ich weiß nicht, wo sie schlĂ€ft. Jedoch gibt es viele bequeme PlĂ€tze im Goethe. Das Goethe Kairo, ein Neubau im Stil des Bauhauses mit arabischen Elementen, ist das modernste GebĂ€ude in der Stadt. Vielleicht schlĂ€ft sie auf der Couch der Dachterrasse, oder im Garten, oder in der Kantine.

Sie durchstreift das GelĂ€nde und beeilt sich niemals. Sie hat Angst vor nichts und nimmt an allen AktivitĂ€ten teil. Einmal sprach ein berĂŒhmter deutscher Schriftsteller in der Aula ĂŒber sein Buch. Als er gerade ĂŒber Sicherheit vor Freiheit mit uns diskutierte, erschien Schiller hinter dem Glasfenster zum Garten. Sie starrte uns neugierig an, kreiste im beleuchteten Garten, kehrte zurĂŒck zur GlastĂŒr. Lautlos schlĂŒpfte sie in die Aula. Kopf hoch, sprang sie auf den Tisch vor dem Schriftsteller, hĂŒpfte auf seinen Schoß und streckte ihren Körper aus. Er streichelte sie und sprach weiter. Schiller döste. Ein Angestellter nahm sie ihm weg, bracht sie in den Garten und schloss die TĂŒr. Schiller erschien zunĂ€chst verwirrt. Drehte sich jedoch dann um, Kopf hoch, flanierte sie ein paar Schritte, huschte auf die Dattelpalme und setzte sich auf eine Astgabel. Es kam mir vor, als ob sie uns verĂ€chtlich beobachteten wĂŒrde.

Nach der PrÀsentation war das Institut mucksmÀuschenstill. Ich verabschiedete mich von den Wachen und dachte an Schiller. Jetzt machte sie vermutlich ein Nickerchen auf der Couch der Dachterrasse in der nÀchtlichen Brise. Das war meine Lieblingsecke im Institut.

Ich bin neidisch auf ihren Gleichmut und ihre Freiheit, denn sie hat nicht nur unsere bedingungslose Liebe, sondern auch die Freiheit, die von nichts abhĂ€ngig ist. Sie zahlt weder Steuer noch Versicherung. Sie besitzt weder eine Wohnung noch Kleidung. Sie ist weder enttĂ€uscht von einer Ablehnung noch ĂŒberglĂŒcklich ĂŒber unser Verwöhnen. Sie tut einfach, was ihr Spaß macht. Das ist Freiheit fĂŒr sie.
Hingegen habe ich als Mensch weniger Freiheit als sie. Mit jedem Besitz verliere ich ein StĂŒck meiner Freiheit, weil ich damit belastet bin. Mit jedem Ehrgeiz verliere ich ein StĂŒck meiner Freiheit, weil ich vergesse, wer ich bin. Mit jeder Versicherung verliere ich ein StĂŒck meiner Freiheit, weil ich mir um das Leben nach dem Tod Sorgen mache. Mit jedem Schreiben auf den sozialen Medien verliere ich ein StĂŒck meiner Freiheit, weil ich geschrieben habe, was die anderen gern hören. StĂŒck fĂŒr StĂŒck zerfallen meine Freiheit und IndividualitĂ€t im Faden der Zeit. Meine Freiheit befindet sich in einer Blase aus Ego. Was Freiheit ist, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass Schiller frei ist. Könnte Schiller sprechen, wĂŒrde sie mich anschreien, „Du, mach, was dir am Herzen liegt, nicht, was du besitzen kannst. Ich halte mich an nichts mehr fest und schau, die Freiheit ist meine!“

Foto: www.pixabay.com

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