Die Wüste

Mit einem Seufzen kam unser Auto zum Stillstand. Als das Rücklicht des Jeeps da vorne in der Dämmerung verschwand, gerieten wir in Panik. „Rufen Sie bitte sofort Hilfe!“, sagte ich dem Fahrer. Er antwortete entspannt: „Wir sind mitten in der Wüste.  Kein Empfang.  Sie werden uns finden.  Lassen Sie uns warten. Al-Hamidullah, (Gott sei Dank).“ In seinen Augen sah ich eine Spur von Spott.

Wir stiegen aus.  Stille umarmte uns. Nur der Wind säuselte im Sand. Schweigend standen wir im gelben Meer. Barfuß durch den warmen Sand suchten wir den Horizont, wo die Sonne unterging. 

Die Sonne verlor seinen scharfen Glanz, als ob sie einen Schal aus Chiffon trüge. Der Kontrast vom Licht und Schatten sang ein melancholisches Lied. In seiner Traurigkeit vergaß ich mich. Als die Sonne den Horizont küsste, war der Himmel von allen Farben bemalt: Rosa, Violett, Orange, gelbe und rote Töne, sowie die Pastellfarben auf der Palette von Monet. Eine wilde Zärtlichkeit schmolz die Wellen des Sandes. Die Wüste und der Himmel vermischten sich in einem gemeinsamen Farbenspiel. Langsam sammelte die Sonne ihre Strahlen. Der Schatten siegte über das Licht. Die Kälte deckte das leere Viertel. Lautlos wie ein schwarzer Wal glitt die Nacht heran. Unbemerkt stand weiß und schmal die Sichel des Mondes am Nachthimmel. 

Unser Auto sah wie ein kleines Boot aus. Der Fahrer, in seinem Beduinen Gallabija, saß rauchend auf der Haube. Ein Leuchten schien seiner weißen langen Robe und seines weißen Turbans anzuhaften. Seine Zigarette flackerte wie ein glühender Marienkäfer oder ein leuchtender Stern. 

Schweigend erschienen Tausende von Sternen, die uns beobachteten. Die Dünen bewegten sich mit dem milden Wind. Der Mond warf magische Formeln aus Licht und Schatten auf die Dünen. Sollten wir zusammen tanzen? In dem Sand versteckt die Geschichte der Erde.

Von der Ferne kam ein Auto. Die Stille wurde kurz gestört.  Wir waren gerettet. Der Fahrer lächelte mir zu und sagte: „Gott hat unseren Weg erleuchtet. Al-Hamidullah.“ In der Einsamkeit war ich nicht einsam. In dieser Nacht sah ich Saturn mit seinem orangen Ring. An dem magischen Ort zählte ich die Sternschnuppen. 

Seitdem ist die Wüste meine zweite Heimat. Allein im Leeren kann man wieder blühen. Allein in der Stille kann man das Herz spüren. Allein im Schweigen kann man die Seele finden. In mir schlägt immer das Herz der Wüste. 

Foto: www.pixabay.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.