Bann der Zugvögel

von Aconite North

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Seit Anbeginn meiner Zeit suchte ich nach etwas, das in keinem Wörterbuch stand. Kein Wort oder eine Bezeichnung, die mein Sehen Ausdruck verleihen konnte. Kein Rezept, das mich verändert. Ich suchte mein Leben lang nach dem Gefühl von Falken im Wind, dem Gefühl von „es ist richtig und ich bin lebendig“. Ich suchte nach meinem Glück.

Meine Erinnerungen an meiner Kindheit in Deutschland liegen irgendwo in der linken Seite meines Gehirns verstaut wie verschwommene Polaroidaufnahmen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie oft ich in meinen Leben umgezogen war. Nach dem zwanzigsten Umzug verlor ich mein Verständnis für Raum und Zeit.

Ich konnte mich nicht mehr an die Namen meiner Lehrer erinnern oder die Gesichter meiner Verwandten. Manchmal, nicht einmal an die Worte meiner Muttersprache. Das einzige, was mir immer in den Kopf flackerte, war meine Erinnerung an warme knusprige Leberkäse Semmel und wie meine Familie in den uralten Audi A4 stieg, um ein Gefühl nachzujagen, das es nicht gab in Materie.

Ich würde nicht sagen, es war die Suche nach einem neuen Anfang. Es war die Suche nach dem Leben, das Zufriedenheit mit sich barg.

Manche nennen es Abenteuer Auswanderer zu sein, ich nenne es ein Gedanke der durch eine Überdosierung an Reiseführern, Heimatmelancholie und Verrücktheit zum Leben erwacht. Etwas was einen in den Bann zieht und einen zum Expat formatiert. Ein Bann, der Zugvögel von Strichvögel unterscheidet. Ein Instinkt, der diese Vögel zum Davonfliegen bringt.

Dieser besondere Bann wurde mir in die Wiege gelegt, als ich vor achtzehn Jahren in einem kleinen Dorf im Schwaben das Licht erblickte. Meine Eltern nannten mich Lea. Ich fühlte mich nie nach einer Lea an. Lea aus Schwaben war im genauen Hinblick eine DNA Mischung aus Berlin, Kroatien, Italien, Frankreich und einem Großteil an osteuropäischen Ländern, die sich im Laufe der Zeit in meine Ahnen einschlichen.

Im Alter von zwölf fing ich an, die Welt, die ich kannte, hinter mir zu lassen und mich auf den Weg zu machen. Es war ein kalter Februarmorgen. Die Wohnung gekündigt und alles Hab und Gut reduziert auf das geringste. Wir packten meine Geschwister und den Hamster in unser kleines Auto. Kleider unter unsere Sitze, Bücher und Spielsachen auf unseren Knien. Sardellen in einer Konservendose hatten es gemütlicher als wir.

Zuerst fuhren wir vom Süden des Landes in den hohen Norden. Lebten in einer Campingplatzhütte in einem Dorf um Flensburg. Abgesehen von der schönen Landschaft fühlte sich mein Leben nicht befreiter an, die Bewohner des Campingplatzes beäugten mich kritisch, mit der Hoffnung ich würde mich zu Staub zerfallen. Ich brauchte mehr und machte mich auf in die Hauptstadt.

Wir verbrachten einige Zeit in heruntergekommene Berliner Hostels und rannte Hals über Kopf nach Dänemark als uns das Stadtleben zu viel wurde. Nur zu meinem Bedauern war das einzige Wort Dänisch, das ich verstand „Hyggelig“, was so viel wie Glückseligkeit bedeutet.

Durch die begrenzten Arbeitsmöglichkeiten und zwei eigensinnigen Neuseeländern landeten wir im Norden Englands bei einer Familie die in Zungen Sprachen und merkten das Peter Pans Kulisse von England nicht mehr die Aktuellste war. Es glich eher eine Folge von Little Britain oder Fools and Horses.

Auch Monate später ging dieses Gefühl von Rastlosigkeit nicht weg. Dieses Gefühl, mehr zu wollen. Es blieb und überredete uns nach Irland zu gehen. Ich erinnere mich noch genau an, was in mir vorging, als ich durch Connemara Mountains fuhr und den Wind in meinen Nacken spürte. Als sei ich die einzige Person auf dieser Erde, im Radio lief ein Guns and Roses Marathon, die Melodie vermischte sich mit dem Rauschen des Regens. Ein perfekter Moment, der Nachts langsam wich und ich mich fragte, was ich wirklich wollte in meinem Leben.

Ich zog mehrere Jahre hin und her, zog Kreise und fand mein Glück nicht. Es befand sich nicht im Badezimmer eines Hotels, in alten Burgen, Hostels oder auf Klippen und Bergspitzen. Es befand sich nicht im Norden oder Süden. Keine Wälder oder Ozeane bargen es in sich.

Ich suchte nach diesem Gefühl wie ein Schatzsucher, und drehte jeglichen Stein um, inspizierte meine Umgebung. Ich zwang mein Glück herbei, klebte meine Mundwinkel mit Tesafilm fest und band meine Schatten an Glückskekse an.

Alles, was ich fand, war leere und eine kleine Erinnerung, die aufflackerte. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter und ich heiße Schokolade in der Stadtbäckerei tranken und Leberkäsesemmel aßen. Ich erinnerte mich daran wie wir durch die Stadt liefen und sie nach meiner Hand griff. Dachte an den Fluss, an dem wir Enten fütterten und an unseren Abenden, an denen wir Fort Boyard im Fernsehen ansahen. Ich war glücklich ohne es zu wissen, stattdessen entsprang ich meiner Realität, mit einem Bann auf Langzeitbasis und transformierte mich in einen Zugvogel.

Foto: www.pixabay.com

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