Memorien eines Piraten

von Marvin Hucke

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Mein Sohn, du weißt, ich bin Pirat gewesen. Vielleicht einer der Schlimmsten, wie so viele sagen. Und vielleicht haben sie Recht. Aber in jedem Falle sollst du dich Meiner erinnern als einen Bezwinger der ozeanischen Weiten, und gewiss bin ich auch ein Glücksritter gewesen, aye. (Vielleicht mit mehr Glück als Verstand.) Aber da sage ich dir nichts Neues. Du weißt es, jeder weiß es. Wohlgehütete Geheimnisse, das liegt mir nicht, hat mir noch nie gelegen. Nicht meine Stärke. Nein.

Mein Sohn, mein geliebter Sohn, Licht meines Lebens: Worin gleichen wir uns, so verschieden wir doch sind, diese Frage brennt in mir – ich, ein alter Mann am Heck meines Daseins, und du, ein junger Spross, aufgewachsen in den emsigen, aber sicheren Gefilden eines Hafens. Vielleicht beneide ich dich um deine ruhige Kindheit. Doch denke nicht, ich wäre seit jeher der gewesen, der ich heute bin oder wäre zügig zu dem geworden, der ich stets sein wollte oder der es mir bestimmt war, zu sein. Ich weiß, in deinem Alter, da ist das Herz aus Gischt, es schäumt nach Ferne, Beute, Abenteuern. Tagein, tagaus ein Drang, ein Drängen … allezeit verloren in den Sturzfluten und Irrströmungen unserer Existenz; immerzu umfangen von Sehnen und Verlangen. Und es ist gut so, es ist gesund so, wie es ist.

Hier liege ich also; ich alter Mann, auf Gebirgen aus Gold, draußen beim Hafenmeister eine Brigg, mein Schiff … schau nur, wie ihre Segel schimmern in der Morgenröte, ein Strom von feuerner Jade, ein Phönix, mein Feuervogel wahrhaftig – wieder und wieder entstiegen, unbezwingbar, ungebrochen aus den tosenden Schluchten der See! Kanonenrohre, sie schauen müde aus dem Rumpf … zu viele für so ein altes Schiff. Außen leuchten sie in frischer Politur, aber innen, da ist’s Rost, das sag‘ ich dir, alles Rost. Ratten nisten in jedem Rohr, denn sie feuern schon lange nicht mehr, keine Lunte glüht, kein Schwarzpulver knistert. Und unten im Wasser? Seepockennester, Tang und Muschelabszesse quer den ganzen Kiel entlang, kein Fleckchen, wo sich kein Verfall verwuchert. Sie ist mein Seelenverkäufer. Aye, mein Richtspruch, mein Tod – Muse und Joch meines Lebens.

Blicke ich zurück, dann sehe ich so Vieles; Bilder, die mit jedem Male, da die Wale schwer und wehmutsvoll den Mond beweinen, blasser werden; gläsern will ich beinahe sagen. Erinnerungen im Bann des Vergessens. Ich sehe die Schwärme fliegender Fische im morgendlichen Passat schimmern … das salzene Nass springt von ihrem viel zu dünnen Schuppenkleid wie eine Symphonie aus abertausend winzigsten Perlen, die das Meer spiegeln und seine ewige Seele zart und sanft in das Herz des Seemanns reflektieren. Gleichsam sehe ich den Abend, aye – wenn die Medusen der schwarzen Tiefe entsteigen, eine Brautschau, ein Tanz, jede Nacht, ein zweites Firmament, so voller Leben. Und ich spüre die Einsamkeit, erdrückend, wenn dieses Schauspiel jeden Shanty-Sang erstickt, um zu sein, zu leben – um in der Welt ein Licht zu sein und mit der Welt im Licht zu leben.

Mein Leben war ein Kampf, ein Ringen um die Mitte, deren Beschaffenheit ich nicht kannte. Es war müßig und leicht – ich fange schon an zu faseln, wie ein Spießer im Lande – es war Höllenfeuer und ein Umtrunk unter Palmen mit Freunden, wenn am Horizont die Sonne glühend, ja zischend ins schäumende Nass hinuntertaucht; die beste und die schlimmste Zeit. Würde ich es wieder so wollen? Habe ich etwas gelernt, ich alter Narr? Aye, ich beherrsche mehr Flüche als die Weltnationen kennt – viele derselben konnte ich im Verlauf unserer Kaperfahrten bereisen, das Privileg eines freien Mannes. Doch da bin ich mir nicht sicher. War ich ein freier Mann? Oder die Geisel einer schlimmen Krankheit, ein Verlangen? Ich rede nicht von dem ollen Skorbut, nein. Merk dir das Folgende gut, mein Junge. Die Mannschaft ist alles und fürwahr ist es schlimm zu hungern, nur viel schlimmer ist es, allein zu hungern.

Doch wozu das Ganze, all diese Angst und Not und dieser … Müßiggang? Wozu, das frag‘ ich dich? Wozu jagen nach Gold oder der Erfüllung wahnwitziger Träumereien? Wo wir doch alle den Wellen der Vernichtung entgegensteuern, unaufhaltsam, unumkehrbar, zum Leben gezwungen und zum Sterben verdammt. Ja, wir trinken die Verdammtheit, wie den Grog noch fässerweise. Und merken es nicht, wenn die Vergänglichkeit – stetig, aber schleichend – unser sündiges Fleisch entseelt. Ach, wär‘s Gold nicht gewesen – ich wäre ein Held gewesen. Ein Verfechter der Freiheit. Doch so bin ich ein Nichts, ein Niemand. Namenlos und ziellos zwischen sich enger schließenden Mauern.

Pah, was nur ist das Ergebnis dieser Prise? Arm bin ich, ein ärmerer, ein geringerer Mann als ich je war oder wollte. Verstehst du, was ich meine? Vielleicht kannst du es verstehen, vielleicht erst, wenn auch du auf offener See mit den Elementen gerungen hast. Und mit dir selbst. Aber du wirst es verstehen. Müssen.

Als dein Vater sollst du von mir wissen, bevor ich über diese allerletzte Planke gehe … Es tut mir leid.

Ach, im Ende bin ich gewesen wie die See bei Nacht – ein leerer, ein entkernter Körper, zwar mit einem Leuchten in der Tiefe … doch es ist verschüttet, vom gnadenlosen Rammsporn der Gezeiten.

Foto: www.pixabay.com

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