Salzwassergeschmack

von Ige

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 fĂŒr Jugendliche

Sein Lachen erfĂŒllt den ganzen Raum, vollkommen und glĂŒcklich. Ein wundervolles GerĂ€usch. Fast so, als hĂ€tte ich etwas Besonderes gesagt. Dabei ist heute Sonntag. Und Jason mag Sonntage nicht mal besonders.

Die Sonne scheint durchs halb geöffnete Fenster, kĂŒhle Luft strömt hinein. Sein Lachen erlischt und wir sehen beide in die Ferne den KĂŒhen zu, wie sie weiden. Wie schön es sein muss, einfach zu sein.

Ich drehe meinen Kopf auf die Seite, lasse meine Nase in seiner Halsbeuge verschwinden. Darauf bedacht, ihn nicht zu verdrĂŒcken. Sein Atem ist trĂ€ge, er hat MĂŒhe mit jeder einzelnen Bewegung.

«Weißt du noch», fĂ€ngt er an. Ich habe den Kopf und sehe ihn an. Einzelne Sommersprossen zieren seine Wangen. Nur ganz leicht, denn der Sommer ist vorbei. Seine Mundwinkel heben sich minim, er sieht immer noch in die Weite. Ich schmiege meine Wange an seine Schulter, atme seinen wunderbaren Duft ein. Einen Duft, den ich nicht vergessen will.

«Letztes Jahr, in Rhodos.» Sein Blick ist vertrĂ€umt, seine Augen glĂ€nzen. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Ich schlucke den Brocken hinunter, er schmeckt bitter.

«Ja», flĂŒstere ich.

«An unserem letzten Abend.» Jason muss sich unterbrechen, er hustet. Ich richte mich auf und streiche ĂŒber seine dĂŒnnen Arme, denn mehr kann ich nicht tun. Sein Husten geht weiter, eine Krankenschwester kommt hinein. Mit meinem Blick auf Jason gerichtet, bekomme ich gar nicht richtig mit, was sie sagt, oder was sie tut. WĂ€hrend ich seine kalte Hand halte, richtet sie ein weiteres Kissen ein, damit er höher liegt, bevor sie durch die TĂŒr verschwindet. Wieder lasse ich mich neben ihn sinken. Und wĂ€hrenddessen, wĂ€hrend wir da sind, vollkommen verloren, fließen uns beiden die TrĂ€nen. Denn wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist. Das war sie schon immer.

«In Rhodos», fĂ€ngt er erneut an. Seine Stimme ist rau, nicht mehr die seine. Die weidenden KĂŒhe in der Ferne sehen so friedlich aus, als ob sie nichts aus der Ruhe bringen könnte.

«An unserem letzten Abend.» Ich höre sein LĂ€cheln. «Ich glaube», er nimmt einen tiefen Atemzug, «ich war noch nie so glĂŒcklich wie damals.»

Der Geschmack meiner TrĂ€nen erinnert mich an das glasklare Meer. An das GerĂ€usch der Wellen und der friedlichen Stille. Er erinnert mich an den frischen Wind, der durchs Zimmer floss, wĂ€hrend wir uns liebten. An unsere Haut, die nach Meer schmeckte. Doch der Krankenhausgeruch hĂ€lt mich in der Wirklichkeit zurĂŒck, lĂ€sst mich nicht trĂ€umen.

«Versprich mir», in der Ferne muht eine Kuh, «dass du wieder isst.»

Daraufhin kann ich nichts mehr sagen. Meine Kehle ist wie zugeschnĂŒrt. Nur noch erstickende Laute ertönen. Als ob ich an der Luft ertrinken wĂŒrde. Und Jason weiß es. Dass ich ihn liebte, dass ich ihn liebe, und dass ich ihn immer lieben werde.

«Kannst du», flĂŒstert er. Ich sehe seinen Augen zu, wie sie flattern. Wie sehr ich dieses glĂ€nzende Goldbraun vermissen werde. Er haucht: «Unser Song.»

Auf dem Nachtisch greife ich nach meinem Handy, drĂŒcke auf Play und sogleich ertönt die Stimme von Rod Steward.

I am sailing, I am sailing
Home again ‚cross the sea
I am sailing, stormy waters
To be near you, to be free

Die Welt steht still und die Taubheit ĂŒbernimmt meinen Körper. WĂ€hrend wir daliegen, hören wir die Zeit an uns vorbeirauschen. Die Angst, alles zu vergessen.

I am flying, I am flying
Like a bird ‚cross the sky
I am flying, passing high clouds
To be with you, to be free

Als ich ihn zum Abschied kĂŒsse, pfeift es in meinen Ohren. Ich versuche seine WĂ€rme zu speichern, seinen Geruch fĂŒr immer in Erinnerung zu halten. Das GefĂŒhl von seiner Haut auf meiner. Versteinert gehe ich die GĂ€nge entlang und ich weiß, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Zimmer betreten habe. Denn am nĂ€chsten Morgen ist Jason nicht mehr da. Und keinen Monat spĂ€ter auch ich. WĂ€hrend Jason ging, wurde mir bewusst, dass es nicht die Zeit ist, die zĂ€hlt. Es sind die Momente, die wir erleben. Und wenn man das Leben schon voller Euphorie ausgekostet hat, gibt es nichts mehr, was einem da hĂ€lt.

Foto: www.pixabay.com

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