Ein guter Geschmack

— Lass uns gehen, sagte Opa. 

Alles war verpackt für einen Tag im Wald. Auf dem Boden gab es noch kleine Schneeflecken, aber die Luft war warm und die Sonne zart auf der Haut. Könnte nicht besser sein für einen Ausflug.

Aber es war nicht nur eine Vergnügungsreise. Opa war Holzfäller und besaß auch ein Sägewerk. Wir würden ein Gebiet im Wald durchsehen, damit er entscheiden könnte, welche Bäume er fällen sollte. Und ich würde ihm dabei helfen. Super, dachte ich.

Nach einem flotten Wandern und sorgfältiger Baumbesichtigung machten wir eine Pause. Die Sonne schien und der Wald war still. Der Wind streichelte die Spitzen der Bäume. Die letzten Klümpchen von Schnee schmolzen auf den Fichtenzweigen. Oma hatte uns Kaffee und Brötchen gepackt. Wir saßen auf Baumstümpfen und genossen unsere Brotzeit.

Nach dem Kaffee grinste Opa und fragte mich, ob ich etwas Besonderes schmecken wollte. Ich nickte natürlich, warum nicht. Er ging zu einem kleinen Hügel neben einer Kiefer. Er nahm einen Weidenzweig und schälte ihn. Die Rinde ging noch leicht weg, es war erst der Beginn des Sommers. Dann leckte er den Zweig ab. Der Zweig lief zwischen seinen Lippen wie eine lange Schnur. Er steckte den feuchten und nackten Zweig in den Hügel und nach einem Moment zog er ihn vorsichtig heraus. Er brachte den Zweig zu mir und sagte:

— Probiere mal.

Auf dem Zweig rannten kleine schwarze Dingen, Ameisen. Offenbar interessierten sie sich für Opas Speichel. Sie erforschten mit ihren Tentakeln den nackten Weidenzweig. Ich nahm den Zweig zwischen meine Lippen und aß die Ameisen. 

Ein saurer, scharfer Geschmack war überall in meinem Mund. Hatte noch nie so etwas geschmeckt. Frisch, herb und salzig wie Zitrone und Weidenrinde. 

Über das Schicksal der Ameisen dachte ich nicht nach.

Foto: Ave Calvar on Unsplash

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