Perfektion

von Selin Irin
Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Ein neuer Tag – schon wieder.

Unmotiviert schiebe ich die Decke mit meiner rechten Hand zur Seite und setze mich auf die Kante meines Holzbettes.

Neuer Tag, neues Glück – Von wegen.

Eher neuer Tag, neue Enttäuschung.

Leise stehe ich auf und mache einen großen Schritt in Richtung meines Badezimmers.

Schon vor der Tür überkommt mich das morgendliche Unwohlsein. Auch die Krämpfe lassen nicht lange auf sich warten.

Mutig greife ich nach der Türklinke und drücke diese mit einem gewaltigen Schub nach unten.

Mein Blick durchdringt den offenen Spalt. Und natürlich, so musste es kommen! Geradewegs blicke ich inmitten meiner Selbst.

Mit einem kritischen Blick mustere ich mich von oben bis unten.

Oh, wie ich diesen Spiegel hasse!

Wie konnte ich nur?

Wie konnte ich dem Drang der Perfektion verfallen?

Ich schäme mich.

Ich schäme mich zutiefst.

Die Mundwinkel weit herunterzogen verlasse ich das Zimmer.

Manchmal frage ich mich, ob die Welt nicht ohne all die Spiegel besser dran wäre.

Zumindest würde das Aussehen dann keine große Rolle spielen, denn wer sich selbst nicht sehen kann, urteilt nicht über das Aussehen anderer, oder?

Doch woher kommt der Drang zur Perfektion, der Drang zum makellosen Aussehen?

Die Fragen in meinem Kopf häufen sich.

Mit einem Mal hole ich den Schminkkasten hervor. Wie gewohnt ziehe ich erstmal eine Linie mit meinem Eyeliner, daraufhin arbeite ich die Foundation sacht in meine Poren ein, damit meine Haut glatt wirkt. Schnell greife ich nach meiner Wimpernzange und vollende schließlich das Werk mit einer extra Schicht Puder.

Das war’s. Fertig bin ich, fertig ist das Endprodukt meiner Selbst.

Ich öffne den kleinen Taschenspiegel und betrachte mich darin.

Starr schaue ich mir in die Augen.

Als kleines Kind stand ich häufig vor dem Spiegel im Zimmer meiner Eltern, lachend zog ich Grimassen und versuchte mich so zu verunstalten, wie es nur möglich war. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mir mit den verschieden farbigen Lippenstiften meiner Mutter Striche auf die Wangen zog. Hier pink, dort lila und nicht zu vergessen, ein bisschen rot.

Früher funkelten meine Augen beim altbekannten Blick in den Spiegel – heute sind sie leer und voller Enttäuschung.

„Spieglein, Spieglein“ – das war einmal.

Wütend klappe ich die reflektierende Glasfläche zu. Ohne jegliche Art von Überlegung greife ich nach den Abschminktüchern.

Ich habe es satt. Ich will es nicht mehr.

Die Unzufriedenheit schnürt mir die Luft ab. Hysterisch atme ich auf.

Bin ich mir selber wirklich nur so viel Wert, wie es mein Aussehen anderen ist?

„Spieglein Spieglein, nur wer sich selbst liebt,
wird sich gerecht sein“.

Foto: www.pixabay.com

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