Marmeladentoastminuten

von Niklas Sauerbrey

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 fĂŒr Jugendliche

Am Donnerstag, dem 12. Oktober, stĂŒrmte Elvira Kluge mit acht Minuten VerspĂ€tung in den Musikraum des Einstein-Gymnasiums, wo die 7c auf sie wartete. Der Grund fĂŒr ihre achtminĂŒtige VerspĂ€tung waren zwei Marmeladentoasts, die sie noch hastig zuhause verspeist hatte.

Um 8:11 Uhr begann Elvira Kluge, die SchĂŒler der 7c auf ihre Anwesenheit zu prĂŒfen.

„Phillip?“

Die 7c blieb still.

„Ist Phillip da?“

Frau Kluge erhob sich von ihrem Lehrertisch, umwanderte den vor ihr stehenden KlavierflĂŒgel und spĂ€hte hinter den geöffneten Deckel. Phillip Moikos Platz war leer.

„Weiß jemand, wo Phillip ist?“

Die 7c verharrte in desinteressiertem Schweigen. Vor einem Jahr hatte Elvira Kluge die 7c als Klassenlehrerin ĂŒbernehmen mĂŒssen. Mehrfach hatte sie sich bei dem Schulleiter Rudolf Meyer ĂŒber diese Zuteilung beschwert. Eine Klassenlehrerin sollte ihre Klasse nicht nur einmal pro Woche im Musikraum zu Gesicht bekommen! Es ist ja nur vorĂŒbergehend, war Rudolf Meyers abgenutzte Beschwichtigung.

„Alex? Justin? Irgendjemand wird es doch wissen.“

Die in der letzten Reihe wild diskutierende Jungsgruppe zeigte sich sichtlich erstaunt ĂŒber Elvira Kluges BemĂŒhungen, die Abwesenheit von Phillip zu erklĂ€ren.

„Wenn ihr fĂŒr die Klasse mal so viel Einsatz zeigen wĂŒrdet wie beim Fußball…“

Zwar unterrichtete Elvira Kluge erst seit zwei Jahren am Einstein-Gymnasium, aber als Klassenlehrerin der pubertierenden 7c hatte sie gelernt, wie man sich den Respekt von aufmĂŒpfigen Jugendlichen erarbeitet. Sogar Bettina Berthold, Deutschlehrerin und LehrerzimmerĂ€lteste, hatte Elvira Kluge letzte Woche dafĂŒr gelobt, wie fabelhaft sie die 7c gezĂ€hmt hĂ€tte.

„Keine Ahnung wo der ist, gestern war er nicht da. Vorgestern auch nicht“, sagte Justin und zuckte mit den Schultern.

Elvira Kluge hatte durchaus VerstĂ€ndnis fĂŒr seine lakonische Antwort: Phillip Moiko war ein SchĂŒler, den man leicht ĂŒbersehen konnte. Vor einem Jahr war er aus Duisburg an das Einstein-Gymnasium gewechselt. Elvira Kluge wusste wenig ĂŒber ihn. Bei der letzten Elternversammlung hatte sie ein kurzes GesprĂ€ch mit Phillips Vater gefĂŒhrt. In Ă€ußert gebrochenem Deutsch erklĂ€rte er, dass Indonesia keine gute Land fĂŒr lebe sei. Als Elvira Kluge ihn fragte, ob Phillip auch zu Hause immer so still ist, verdunkelte sich der Gesichtsausdruck des Vaters schlagartig. Er fing an, energisch zu gestikulieren, sagte etwas auf Indonesisch und verließ die Elternversammlung, bevor diese wirklich begonnen hatte.

„Wann habt ihr Phillip das letzte Mal gesehen?“

In einem scharfen Ton stellte Elvira Kluge um 8:20 Uhr der 7c diese Frage. Zugleich kam in ihr der Gedanke auf, wann sie Phillip Moiko eigentlich das letzte Mal gesehen hatte. Hatte er letzte Woche nicht auf seinem Platz hinter dem Klavier gesessen und die Lippen zu „Hallelujah“ bewegt? Oder war diese Erinnerung schon zwei, vielleicht sogar drei Wochen alt? Elvira Kluge blĂ€tterte im Klassenbuch durch die Anwesenheitsliste. Hinter Phillip Moiko hatte sie weder letzte noch vorletzte Woche einen Vermerk gemacht. Den kalten Schweiß, der sich plötzlich aus ihren Poren drĂŒckte, verstand sie als Signal.

„Letzte Woche vielleicht. Sie wissen doch, wie das mit Phillip ist. Bei dem merkt man gar nicht, ob der da ist oder nicht.“

Es war wieder Justin, der ihr antwortete. Vor ein paar Wochen hatte Elvira Kluge ihn bei einer Hofaufsicht dabei erwischt, wie er Phillip Moiko das Pausenbrot geklaut hatte. Schluss mit dem Kindergarten hatte sie gesagt, woraufhin Justin entgegnet hatte: Der kleine Soja hat doch eh keinen Hunger, stimmts Soja?
Phillip Moiko hatte nur dagestanden und geistesabwesend gelÀchelt.

„Ich bin in fĂŒnf Minuten wieder da. Befasst euch in der Zwischenzeit schon mal mit der Abbildung auf Seite 47.“

Es war 8: 22 Uhr, als Elvira Kluge diesen Entschluss fasste, obwohl die 7c im Lehrplan weit zurĂŒck war und obwohl Phillip Moikos Fehlen nicht ungewöhnlich war.

Um 8:25 Uhr klopfte Elvira Kluge an die BĂŒrotĂŒr des Schulleiters Meyer und wĂ€hlte unter seinen genervten Blicken die in Phillips SchĂŒlerakte hinterlegte Telefonnummer.

Zur selben Zeit rief die 7c im Musikraum wild durcheinander. Nur Justin war in sich gekehrt. Die Kluge dreht ja vollkommen durch. Ich wette, der kleine Soja hat einfach kein Bock, weil sie ihm immer schlechte Noten gibt war das einzige, was er in Richtung seines Banknachbars von sich gab.

8:26 Uhr hob Phillips Vater den Hörer ab. Auf mehrmaliges Nachfragen gab er zu, nicht zu wissen, wo Phillip ist. Er habe ihn mit seinem Bruder ĂŒber die Woche allein gelassen, weil er in Frankfurt arbeiten mĂŒsste.

8:30 Uhr ließ Elvira Kluge Phillips jĂŒngeren Bruder in das DirektorbĂŒro bestellen. Phillip habe er gesagt, er wohne die nĂ€chsten Tage bei seinem Freund, der Justin hieße.

8:40 Uhr setzte sich Elvira Kluge mit der lokalen Polizeistelle in Verbindung.

Zwei Stunden spÀter verschafften sich drei Polizisten Zutritt zu Phillip Moikos Wohnung. Auf seinem Schreibtisch fanden sie einen Brief, der mit den Worten An den Bahnschienen hinter dem Stadion. Der Zug wird 11 Uhr da sein. Sucht mich nicht endete.

11:08 Uhr fanden die Polizisten Philipp Moiko leblos auf den Bahnschienen.

Es dauerte mehrere Jahre, bis Elvira Kluge verstand, dass nicht ihre zwei Toastbrote mit Marmelade Phillip umgebracht hatten, sondern dass es die unzÀhligen Pausenbrote waren, die man seinen schwachen HÀnden entrissen hatte.

Foto: www-pixabay.com

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