Verschiedene Zeiten

von Danai Kacperska

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Ich wurde in Athen zu schweren Zeiten geboren. Meine Eltern haben sich dort auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt, obwohl keiner von ihnen in Griechenland geboren ist. Also kam ich irgendwie aus Zufall an diese ganz interessante und sich ständig verändernde Welt.

In Athen war es immer sehr laut und es gab auch immer etwas zu tun. Ich ging in einen Kindergarten und lernte dort das griechische Alphabet mit meiner Freundin. Unsere Mütter kannten sich gut, und wir sahen uns fast täglich. Wir spielten mit Barbiepuppen, ganze Tage lang. Diese Erinnerungen sind nostalgisch und erinnern mich an diese kindische Einfachheit, als das größte Problem im Alltag war, seine Lieblingssendung nicht zu verpassen.

Bald kamen jedoch größere Probleme, als ich mit meinen Eltern zu meiner Oma nach Polen ziehen musste. Ich war damals erst vier Jahre alt und wusste nicht wirklich, wieso. Ich dachte, dass man sich so viel Geld aus dem Bankautomaten herausholen konnte, wie man nur wollte. Die Komplexität der Situation hätte ich nicht verstanden, auch nicht, wenn meine Eltern sie mir erklärt hätten.

Ich ging mit meiner Tante zum Kindergarten Nr. 29 zu Fuß. Irgendwie wurde die Stadt Tychy mein neues Zuhause, und ich habe damals auch einen neuen Freund kennengelernt. Er hieß Viktor und wir trafen uns wie auch mit meiner vorherigen besten Freundin durch die Freundschaft zwischen seiner und meiner Oma. Er kam von Nordpolen und war nur während den Sommerferien da, aber man konnte uns trotzdem nicht trennen. Anstatt mit Barbiepuppen zu spielen, sammelten wir Roboterfiguren, die man beliebig auseinander- und wieder zusammenbauen konnte.

Ich dachte, dass es für immer so bleiben würde, aber natürlich geht das Leben immer weiter und ich zog mit sechs Jahren mit meiner Mutter in die südwestdeutsche Stadt Crailsheim, nachdem mein Vater sie für ein Jahr erkundet hatte. Der größte Unterschied war die Sprachbarriere. Ich war niemals so der Salonlöwe gewesen, aber ohne die Landessprache konnte ich im dritten Kindergarten, in dem ich gelandet war, kaum etwas anfangen.

Ich erinnere mich immer noch an meinen ersten Tag dort, als ich mich ohne Sprachkenntnisse vorstellen musste. Es ging nicht gut, aber ich versuchte es mit der Kommunikation trotzdem, und die Erzieher halfen mir gut genug, sodass das Ganze zu meiner neuen Normalität wurde.

So ging es weiter, mit guten Mitarbeitern, aber wenigen Freunden bis zur Astrid-Lindgren-Grundschule. Jetzt stand mehr auf dem Plan als Papier schneiden und Bilder malen. Es ging um Lernmaterial, Fächer und Noten, alles Dinge, die ich mir schon seit Jahren vorstellte, aber bis dahin niemals wirklich erleben konnte. Ich liebte es, für die Schule zu lernen, mit den anderen Schülern zu reden jedoch weniger. Sie machten sich oftmals über die Sprachbarriere und mein allgemeines Verhalten lustig, und ich konnte niemals verstehen, wieso.

Da lernte ich auch eine andere Freundin namens Natalia kennen. Wir verstanden uns recht gut, weil wir beide aus Polen waren und Probleme mit der Sprache hatten. Sie kam oftmals zu Besuch und wir spielten mit meinem Hund Rocky, den ich bekommen habe, als ich zehn Jahre alt war. Sie musste aber bald die Schule wechseln, und ich habe mich mit meinem Hund und guten Noten durch den Rest der Grundschule gequält.

Am letzten Schultag gingen wir alle zum Eisessen, und ich erinnere mich, wie sehr ich mich auf die Zukunft freute. Meine Klassenlehrerin empfahl meinen Eltern, mich auf ein Gymnasium zu schicken, also ging ich bald nach meinem Grundschulabschluss aufs Lise-Meitner-Gymnasium. Ich kannte schon manche meiner Klassenkameraden, aber es war trotzdem ein neuer Anfang für mich.

Das Lernmaterial an der Schule wurde schwieriger, aber meine größte Herausforderung war, mich in der Schulgemeinschaft zurechtzufinden. Währenddessen lernte ich auch Englisch – ich war schon immer ein Computerkind gewesen, und war außer von Biologie und Astronomie vom neuesten Internetgeschehen fasziniert. Internetkulturen fühlten sich für mich fast wie ein zweites Zuhause an. Sie entwickelten sich mit der Zeit zwar und ich wechselte von einer Freundesgruppe zur anderen, aber das Allgemeine blieb immer.

Ich traf Leute mit ähnlichen Interessen, Persönlichkeiten und Lebensläufen wie ich, obwohl sie so weit weg von mir lebten. Es war ein wundervolles Gefühl, das ich bisher nirgendwo anders gespürt hatte. Ich habe verstanden, dass ich trotz meiner Einzigartigkeit meine Gruppe finden konnte, und dass Einsamkeit immer vorübergehend ist.

Seitdem entwickele ich meine Interessen und versuche, mehr mit Leuten zu sprechen und sie auch zu verstehen. Ich drücke mich durch Schreiben und Zeichnen aus und finde heraus, wie wundervoll die Koexistenz mit anderen Menschen sein kann. Sogar, falls es nicht immer funktioniert und man sich mich manchen nicht versteht, finde ich Trost darin, dass jeder einzelne seinen besonderen Lebenslauf hat. Dass jeder seine eigenen Wünsche, Träume, Geliebten und Erinnerungen an die Vergangenheit hat. Und so ein existenzielles Wunder bemerke ich nicht jeden Tag, aber wenn ich es tue, fühle ich mich viel sicherer. Ich weiß, dass wir alle irgendwie mit dem Leben umgehen müssen, und dabei helfen uns die Dinge und Leute, die wir lieben. Die Hobbys, an denen wir Spaß haben, oder sogar die tiefen Diskussionen mit unseren Freunden. Wir sind alle so anders, aber doch so gleich. Und damit kann ich gut leben.

Foto: www.pixabay.com

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