Ein Universum nach dem Anderen einreichen

von Marvin Keßler

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Als der Mann die Straße entlang schritt, machte er halt an einer Hausecke und wurde Zeuge eines Verbrechens. Er sah in der schmalen Nebengasse einer spärlich ausgeleuchteten Fußgängerzone, wie zwei zwielichtige Personen, getränkt in Schwarz, eine dritte Person bedrängten, schlugen und auf dem schmierigen Asphalt liegen ließen. Blut überströmte den Boden.

Das Schwarz der Nacht hatte sich bereits in allen Gassen und Ecken der ganzen Stadt niedergelassen und verschlang sie. Niemand sah dies Verbrechen. Niemand. Außer dem Mann. So wie er all den Schund und Abschaum der Welt sah. Er stand ruhig und gefasst, im tiefen Meer der Dunkelheit da und sah, wie ein Mensch brutal zusammengeschlagen wurde und die Täter wegrannten.

Bereits der Versuch darüber nachzudenken, wie oft er gereist ist, bereitet ihm Unbehagen und deprimiert ihn. „Auch hier“, erklang es aus seinem Mund, bevor das all umfassende Reich der Realität es sich nahm und einverleibte.

Vor einiger Zeit und schier unendlichen Vorgängen des Wechselns, hätte sich der Mann beim Anblick jenes Vorfalls zu Tode gefürchtet, hätte kotzen oder heulen müssen. Jedoch wird er nie wieder einen Gedanken an längst vergangene Tage bilden können. Es schien so als wären Äonen ins Land gezogen. Diese Emotionen waren mittlerweile verstummt. Es ist weniger der Sachverhalt, dass er sie verlernt hätte, vielmehr waren sie so sehr abgestumpft, dass sie beim kleinsten Aufkommen sofort verpufften. Sehr selten war er einer Träne nahe. Wenn eine aufkam, wurde sie von seinem Körper im Keim erstickt. Empfindungen aus einem weit zurückliegenden Leben sind schon derart lange versiegt, dass der Mann sich nicht daran erinnern kann, diese jemals gespürt zu haben. Was ihm blieb ist die Sehnsucht. Verbunden mit einem primitiven Rest Hoffnung. Das ist alles, wofür er in diesen Tagen noch lebte. Es ist das Ergebnis einer abstrus langen Reise eines Mannes, der in jedem denkbaren hier und jetzt suchte, wonach seine Sehnsucht dürstete. Doch jeder Halt auf diesem Weg erwies sich als Fehlschlag. So auch hier.

An dieser Hausecke stand der Mann. In der Seitengasse lag reglos der Mensch. Mit Händen in den Jackentaschen und tief im Gesicht hängender Kapuze stapfte er los. Seine leicht gebückte Haltung, mit starrem Blick auf den Boden unmittelbar vor ihm, verlor er heutzutage nur selten. Nichts, was er nicht schon gesehen hatte, sah er in dieser Nacht. Menschen, die Menschen töten.

„Vielleicht nächstes Mal“, brummte er unverständlich und lief scheinbar ziellos weiter. Realität war für ihn zur Höllenqual geworden. Oder war die Hölle zur Realität geworden? Trivial. Diese Welt war eben nicht anders als jede andere zuvor.

Sämtliche Inhalte und Ordnungen seiner Gedanken wichen einer alles verschluckenden Leere, als er die Augen schloss und er seiner „Gabe“, wie er sie nannte, den Rest erledigen ließ. In diesem unendlich kurzen Moment verlor er sich nur allzu gern. Bezogen auf das Raum-Zeit-Kontinuum war es für ihn, wie ein unendlich kleiner Punkt voller Euphorie und Glückseligkeit. Kaum länger als ein Bruchteil der Dauer eines Augenzwinkerns. Jedoch eine willkommene Abwechslung zu den tristen Gegebenheiten jener Welten, in denen er sich im Laufe seiner Suche immer wieder fand. So fand das Wechseln erneut statt.

Nun breitete sich vor seinen Augen eine hell erstrahlte Allee aus. Mit saftig grünen Blättern an den links und rechts arrangierten Bäumen und viel Trubel auf den Straßen. Ein neuer Zwischenstopp auf seiner Reise.

Alles was er für das Wechseln benötigte, war die Augen zu schließen und sich eine makellosere Welt vorzustellen, um durch die Gabe in diese einzutauchen. Nein, wohl eher aus der vorherigen Welt zu entweichen und eins mit dem Raumzeitgefüge der Nächsten, aus seinen Vorstellungen geformte Welt, zu werden. Dabei war es die Gabe, die ihm ein

Paralleluniversum aussuchte, dass seinen Vorstellungen entsprach und ihn mit dieser verschmelzen ließ. Man muss dabei wissen, dass es jede erdenkliche alternative Version von einem Universum gibt. Von einer gewaltigen Unendlichkeit, in der wiederum weitere kleinere Unendlichkeiten mit inbegriffen sind, ist die Rede. So gibt es im Multiversum beispielsweise unendlich mannigfaltige Versionen von Universen, in denen Menschen nie existierten und unendlich umfangreiche Universen, in denen jeweils nur ein einziger winziger Aspekt dafür sorgt, dass sie anderen gegenüber differenzierbar werden. Aber alle sind sie Teil einer noch größeren Unendlichkeit, das sich Multiversum schimpft. Und die Gabe blätterte im Katalog der Universen herum, bis es eine fand, die seiner Vorstellung entsprach und ließ den Mann dorthin wechseln.

Hinter jedem Wechseln, stand immer der Grund seine Wunschvorstellung einer Wirklichkeit zu verfeinern. Demgegenüber stand immer ein Makel, den die neue Welt ihm mit der Zeit offenbarte. Das Wunschdenken, Menschen würden einander nicht zu Tode prügeln, brachte ihn in diese Welt. In diese Allee.

Wieso hatte er nur damit angefangen? War es die Erträumung des Utopias? Seines eigenen wahrhaftigen Utopias? Alles, was er tat, was er tun konnte, war ein Makel nach dem Anderen für immer aus der Welt zu entfernen. Zu tun, was ihm seine Gabe ermöglichte. Doch was die unzähligen Realitäten ihm entgegenstreckten war, so schien es, nicht mit der Gabe kompensierbar. Ein Gegenstrom überwältigenden Ausmaßes und erdrückendem Gewicht. Als möchte man einen Wasserfall hinauf schwimmen, wobei die Wassermaßen einen stets am Boden halten. Als würden auf einen entfernten Makel, hundert Neue dazukommen. Und welchem Wesen verdankt er diese Macht? Nur von etwas Gottgleichem kann sie ursprünglich stammen, nicht wahr? Leider war überhaupt nichts Göttliches an ihr. Es erinnerte den Mann eher daran, möglicherweise einen Pakt mit dem Teufel eingegangen zu haben. Seine Reise hatte Züge eines Teufelskreises angenommen – Welt bereisen, Makel finden, neue Welt vorstellen und darin entschwinden, dann alles wieder von vorn.

„Bin ich selbst auf die Idee gekommen, diese Kraft auf diese Weise zu nutzen oder hat man mich dazu gebracht? Was waren meine Anfänge und was genau ist meine Motivation?“, dachte der Mann. Ironischerweise war alles, was er mit absoluter Gewissheit über die Funktionsweise der Gabe und ihre Konsequenzen herausgefunden hatte, dass er durch das ständige Benutzen eben dieser scheinbar nicht alterte. Er bewegt sich beim Wechseln nicht nur durch die Dimensionen hindurch, sondern auch durch die Zeit. Und zwar immer wieder zurück zu dem Zeitpunkt, als er sie das erste Mal benutzte.

Nach all der Ewigkeit ist noch immer keine einzige Sekunde vergangen, was?

Als er sich dieser Erkenntnis aufs Neue bewusst wurde, befand er sich inmitten der belebten Fußgängerzone in der Allee wieder, deren Fortlauf durch dicht aneinander stehende Häuserreihen begrenzt wurde. Menschen strömten links und rechts, in einem Sog aus Anonymität und Gleichgültigkeit, an ihm vorbei. Es war ein warmer Sommernachmittag.

Für den Mann mit seiner Jacke eindeutig zu warm. Die Menschen tummelten sich überall.

Gut besuchte Cafés, lange Schlangen vor Bäckereien und Konditoreien und eine Handvoll gut gefüllter Geschäfte.

Doch da war noch etwas anderes. Etwas viel Größeres und Beeindruckenderes. Es war als würden die Menschen eine Synergie bilden und diese kreierte in der Wahrnehmung des Mannes, eine fast lebendige Entität, die nun in Form und Präsenzzunahm. Die aus den Menschen resultierende Entität war für den Mann im engsten Sinn wahrnehmbar. Sie repräsentierte ein Konglomerat, das die Gesamtheit sämtlicher Gefühle, Erfahrungen, Werte, Erwartungen und Gedanken aller Menschen dieser Allee umfasste. Er spürte sie. Konnte sagen wie sie sich anfühlte und konnte ihr derzeitiges Befinden feststellen. Dass er zu so etwas imstande war, war neu. Womöglich eine Fertigkeit, die er im Laufe der vielen besuchten Paralleluniversen unterbewusst antrainierte.

Sogar einen nützlichen Nebeneffekt hatte das Reisen zwischen den Dimensionen mithilfe der Gabe. Seine Sinne wurden auf unmenschliche Weise geschärft. So wie man spüren kann, ob es einem Menschen gut oder schlecht geht, so spürte er die Gefühle der Entität.

Und sie versprühte Unruhe und Missmut. Geschwulst ähnlich umgab es die Menschen, wie eine Wolke. Diese Wolke konstituierte sich aus ihnen und trug eigens dazu bei, die aus ihr selbst abgesonderten Gefühle immer weiter zu negieren, wodurch es alsbald schwer und angestrengt pulsierte. Der Mann sah diese Wolke nicht. Nicht, dass es Menschen jemals möglich sein würde so etwas zu sehen. Er nahm jetzt alles auf einer unmittelbareren Ebene wahr.

Alles hängt voneinander ab. Dieser Satz ist wörtlicher zu nehmen als einem lieb ist, dachte der Mann. Vom grünen Blätterkleid der Bäume, bis zur Stimmung all der versammelten Menschen. Vom Atomkrieg aus seiner Ursprungswelt, bis zum Todschlag der jüngst zurückliegenden. Sich Kausalitäten über Dimensionen hinweg zu erklären, vermag sicherlich einem sehr wahrscheinlich unmöglichen Unterfangen gleichzukommen. Zwar hatte er nie einen Grund dafür gefunden, gewiss allerdings danach gesucht, die trostlosen Gegebenheiten inmitten, der sich unendlich entfaltenden Realitäten zu ergründen.

Auch bei dem Mann kam nun ein Gefühl von Unruhe auf. Er wusste nicht, was geschehen würde, doch er war sich sicher, dass etwas Verheerendes geschehen wird. Die Entität verriet es ihm. Offenkundig wie der Schein der Sonne an diesem Sommernachmittag Wärme vermittelt, vermittelte ihm die Dunstwolke des Menschenböses.

Und so passierte es auch. Seine – auf Hinblick des Fühlens von solchen Entitäten, kläglich funktionierenden, aber dennoch aufmerksamen – Augen sahen, wie sich zwei Menschen in feinen Anzügen aus dem Tumult der Allee zielstrebig hinaus bewegten. Um diese Personen herum war es so als würde die Wolke in Panik geraten. Geradezu nach Hilfe schreien.

Er beobachtete sie mit seinen Augen und sah wie beide in einer seitlich der Allee befindlichen Parkplatzreihe, in ein dort geparktes Auto einstiegen. Sie schlossen die Tür. Für den Mann schien es so, als würde so wenig Zeit vergehen, wie beim Wechseln zwischen den Universen, als plötzlich das Auto schallend explodierte. Durch die brachiale Wucht überschlug es sich und wurde in viele brennende Stücke gerissen. Selbstverständlich brach sofort Panik aus. Der warme Sommernachmittag hielt niemanden mehr in der Allee.

Brennende Autoteile schleuderten durch die Luft und manche davon trafen Passanten, die an den Folgen sterben sollten, ganz zu schweigen von den Insassen des explodierten PKWs die sofort tot waren. Sämtliche Personen schrien und rannten, um ihr Leben. Von der Entität keine Spur mehr. Als wäre sie mit der Explosion pulverisiert worden. Die Detonation der Autobombe hatte alle im Umkreis liegenden Fensterscheiben zerstört, eine Verwüstung inmitten einer lebhaften Innenstadt angerichtet, fünf Menschenleben gekostet, ein paar mehr verletzt, viele traumatisiert und dem Mann abermals eine Enttäuschung eingebracht. Niemand befand sich nach kurzer Zeit mehr dort. Außer dem Mann und das brennende Auto zwanzig Meter vor ihm. Nichts als erdrückende Stille umgab, die vor einigen Minuten noch dynamisch, lebhafte Allee. Eine Träne quoll aus seinem Auge und lief ihm über das Gesicht. Er hätte schreien wollen, doch alles, was aus seinem Mund kam; wozu er überhaupt in der Lage war, war lediglich: „Auch hier… Vielleicht nächstes Mal…“ Damit zitierte er sein auf ewig wiederkehrendes Mantra, an das er sich in diesen Tagen verzweifelt klammerte.

Der Mann war zielstrebig. Das musste man ihm lassen. Er würde alles ertragen, um seine Suche zu beenden. Jedoch war eine Beendigung der Suche nicht im Entferntesten in Sicht. Allerdings gab es einen vorzeitigen Ausweg. Eine frühzeitige Ausfahrt auf der Autobahn, die seine Suche durch das Multiversum repräsentiert. Sein eigener Tod. Damit würde er gewissermaßen aus dem Spiel genommen werden und müsste nicht weiter durch die verdammten unzähligen Versionen ziehen und jede Einzelne abklappern. Jedoch wäre sein Utopia so möglicherweise für immer und ewig außer Reichweite. Er müsste etwas tun können. Aber was konnte er bis jetzt den abundanten Welten entgegenbringen? Nichts.

In jedem Zwischenstopp hatte er praktisch nie etwas getan, um Menschen aufzuhalten, die sich gegenseitig unsagbare Dinge antun. Es war seine Form des Eskapismus. Sprichwörtlich einer Welt zu entfliehen, die ihm skrupelloses offenbarte. Da er diese Kraft hatte, dachte er nie groß daran einzuschreiten.

Es war viel effizienter und, ehrlich gesagt, auch bequemer für ihn, die Welt einfach zu verlassen und sein Glück in der Nächsten zu versuchen.

Doch dies war der erste Zwischenstopp in dem etwas fundamental Neues geschah. Er begann ein kollektives Bewusstsein, schlussendlich aus all den versammelten Menschen resultierend, zu erkennen. Als er es sah, wusste er nicht wie er reagieren sollte, doch er beobachtete alles genau. Die Dunstwolke vermittelte ihm ein schlechtes Gefühl. Kurz danach ist die Autobombe explodiert. Vermutlich könnte er diese Art der Wahrnehmung nutzen, um potenzielle Makel schneller und gezielter zu finden. Sogar bevor sie ihm überhaupt offenbart werden. Das könnte ein mächtiges Werkzeug sein, dachte er, als er sich die Träne aus dem Gesicht wischte.

Er schloss die Augen, stellte sich eine Welt ohne durch Autobomben getötete Menschen vor und durch die Gabe entwich er.

Foto: www.pixabay.com

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