Totenbett

von Charlotte Teichmann

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Das 14-jährige Mädchen schlich sich leise die Treppe hoch. Es war still und ruhig. Weder Tür noch Boden knarrten, doch es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Ihre Oma schlief sowieso. Zwar schlecht durch die Situation, aber ihr Vater hatte sie wenigstens dazu bewegen können, nicht mehr auf der Couch zu liegen.

Sie sah sich im Flurspiegel, hörte den angestrengten, rasselnden Atem schon vor der Tür. Das einzige Geräusch in der Stille, unheilverkündend.

Sie nickte sich im Spiegel kurz zu, wappnete sich und öffnete die Wohnzimmertür. Der Geruch nach Schwäche und Krankheit schlug ihr entgegen. Todesgeruch. Früher roch es nicht so. Ihre Schultern sackten bei diesem Gedanken herab.

Sie betrat den Raum. Vor dem Sternenhimmel, der durch die großen Stubenfenster zu erkennen war, das geborgte Krankenhausbett. Ein Totenbett.

Und darin ein alter Mann, klein, dünn und in sich zusammengesackt. Nicht mehr der Mann, den sie kannte. Das Gesicht nur noch dünn mit Haut überzogen, keine Haare mehr, die Augen geschlossen. Ein Alien, dachte sie resigniert. So sah er aus. Der Kopf irgendwie zu groß für den Körper, die Beine zu dürr, die Lippen spröde.

Sie trat näher an ihn heran. Der rasselnde Atem wurde lauter, nicht vereinbar mit den Momenten, die gewesen waren. Sie erinnerte sich an glückliche Gitarrenklänge und Gedichte. An Pferdespiele und Bastelstunden. Und an den ersten Schlaganfall.

Sie seufzte unglücklich. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie die Szene noch ganz genau heraufbeschwören, obwohl es schon Jahre her war.

Sie kam von der Schule, stand vor der Küchentür und lauschte den aufgeregten Stimmen ihres Vaters und Onkels. Schon vorher waren ihr die vielen Autos und die seltsame Anspannung im Haus aufgefallen.

Am Nachmittag war sie das erste Mal im Krankenhaus gewesen.

Sie öffnete die Augen wieder, ihr Blick fiel auf den Sternenhimmel, so still und beständig. Das Mädchen lächelte traurig, schaute wieder zu dem todgeweihten Mann.

Sie erinnerte sich an die letzten Monate. Der nächste Schlaganfall, er verlor seine Worte, seine Fähigkeit sich selbstständig zu bewegen. Schon vorher ging es bergab, aber mit jedem Anfall wurde es schlimmer. Dann der letzte Schlag, das Aus, das Ende, ab da war er weg.

Sie kam wieder in der Realität an. Hörte wieder den angestrengten Atem, roch den strengen Geruch. Körperlich war er noch da, aber was hieß das schon? Ihr Opa war fort. Seit Ende des Sommers, spätestens. Er war der Anfang und das Ende gewesen. Sie schmunzelte traurig und verdrehte die Augen bei diesem sehr tragischen Gedanken. Ihr Opa hätte jetzt zusammen mit ihr gelacht.

Doch nun? Ständig stand Familie im Kreis um ihn herum. Redete gedämpft, als könnte er sie noch hören. Keine Privatsphäre für sie. Daher kam sie abends.

Die Uhr tickte an der Wand, doch ihre Augen ruhten weiterhin auf dem alten Mann. Sie seufzte leise. War es falsch sich zu wünschen, dass es bald vorbei war? Das Warten auf das unvermeidbare Ende? Die Anspannung, das zermürbende Warten an sich? Denn genau das taten sie im Grunde alle. Warten bis Stille den Raum erfüllen würde und der rasselnde Atem verklungen wäre.

Seine Hand zuckte. Manchmal krampfte er, bewegte sich. Sie fokussierte sich. Vielleicht war dies ihre letzte Chance in zu sehen, zu berühren. Sie streckte die Hand zu der seinen. Sah die blasse, pergamentartige Haut, die blauen Adern … und zögerte.

Wäre seine Hand noch warm und stark? Oder schon kalt und klamm?

Foto: www.pixabay.com

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