Der Zaun (18 +)

Von Khaled Alghadban

Röcheln.. live erleben!

Buddelt man den zwei Meter tief begrabenen Kadaver meiner Mutter, aber auch den meines Vaters jetzt aus, könnte man ein paar erodierte Rippen, Schädel und womöglich Spuren meiner Küsse, die ich auf die Wangen der beiden nach ihrem Verröcheln sofort gedrückt hatte, finden, wenn es überhaupt noch Menschenfleisch gäbe.

Klar ist alles nun knochig… Schade…

Die Bestattungsszene, etwa wer trägt den Sarg auf der rechten vorderen Seite, welchen Weg zum Friedhof bahnen wir, wer steckt den ersten Spatenstich zum Begraben usw… Alles hatte mit Tradition und Ritualen zu tun, war holzschnittartig von meiner Regie.

Meine beiden Geschwister sind jünger als ich und von solchen Ereignissen überwältigt, daraus kann man ihnen keinen Vorwurf machen.
Ich musste alles bis zum Begraben würdevoll und allein arrangieren, leider bei uns- im Orient- spielt die Bestattungsstätte eine nebensächliche Rolle.

Ich hatte damals Glück, ja Glück…ich wurde stets von meinen Geschwistern darum beneidet, Röcheln meiner Eltern live und alleine erlebt zu haben!

Bitte frag mich nicht, ob ich in diesem Moment untröstlich geweint habe…

Ich habe buchstäblich in Tränen gebadet und eine Tristesse mit mir herumgeschleppt…

Meine Tränen waren so warm und salzig…
Mit denen konnte ich mein Herz kümmerlich gratinieren!

Der verhängnisvolle Weg ging im Zickzack,
es führte nicht nach Zürich (meine Traumstadt seit der Kindheit), sondern zum Grab auf unserm eingezäunten Friedhof.

Der Zaun, zwei Meter breit, hätte mich als Sargträger beinahe stolpern lassen, ich trug den Sarg vorne rechts, mein Bruder links, mehrere Männer hinter uns …

Nicht so lang war der Weg, ich hatte keinen Proviant, nur Schluckwasser von Flächen, das meinen Durst löschte. Den Totengräber sah ich so klein, ich konnte meine Augen nicht beschatten, die Sonne knallte in mein Gesicht, der Sarg war schwer und ließ mich hecheln, fast röcheln …

Der Totengräber winkte mit seinen Händen, als ob er froh über unsere Ankunft gewesen wäre… Wahnsinn… was für ein Job…

Den gleichen holzigen Zaun, auch mit der gleichen Breite bahnte ich, allerdings dieses Mal nicht auf einem Friedhof, sondern an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, wo ich schleichend und fußläufig zum andern Ufer übersetzen musste…

Hier trug ich keinen Sarg, sondern nur meinen abgetragenen Rucksack.

Japsen war auch typische Folge für Fußgänger dieses Wegs.

Währenddessen erinnerte ich mich an Bestattungsszene meiner Eltern, wie ich damals um Luft gerungen hatte … ich war zwei Tage ununterbrochen wach, durstig und äußerst strapaziert, sodass ich beinahe geröchelt hätte …

Das Problem ist eben, dass man nur einmal im Leben verröchelt und den Geist aufgibt, mir war fast übel, bald verpfeife ich mich und steige aus diesem Leben aus…

Ich konnte Zürich nicht erreichen, meine Reise lief schief und nicht wie gehofft, im Gegenteil sie führte ins Blaue, ins Unbekannte, ins Dunkle …

Und am Ende…
Exil lehrt einen, wie er jeden Tag bis zum Tode röchelt …

Gewundene eingezäunte Wege…
Der Zaun bestimmt dein Ziel…alles war ungewollt…

Und am Ende…

Ich kehrte meiner Geliebte den Rücken, die hinter mir rannte…
Hätte ich ihr doch gesagt, Du Eva, dein Herz war auch immer eingezäunt…
Von einer Rippe, einer steinharten Rippe … Schade

Ich konnte deines nicht erreichen … Schade

Vielleicht finde ich meinen Trost in einem uneingezäunten Weg oder Herzen…
Bis dahin muss ich mein Röcheln bestimmt live erleben!

Foto: www.pixabay.com

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