Hey Jude

von Ella Brock

Literaturwettbewerb „Leben erleben“ 2021 für Jugendliche

Es war ein Dienstag im Sommer. Ein Dienstag wie so viele Dienstage in meiner Schulzeit. Nach der Schule bin ich nach Hause gekommen. Papa hatte von der Arbeit Reste mitgebracht, etwas Vegetarisches, was wir dann gemeinsam gegessen haben. Ich habe mich an die Hausaufgaben gesetzt, bis mir irgendwann mit Schrecken auffiel, dass ich in einer Stunde Klavierunterricht und schon wieder eine Woche lang keine Taste berührt hatte. Also schnell nochmal ans Klavier, die Stücke von der letzten Woche wiederholen, alles zusammenpacken und in die Stadt fahren. Mit Bauchschmerzen. Meine Eltern zahlen Geld und ich übe nicht. Herr M bereitet Übungen und Stücke vor, macht sich Gedanken und ich übe nicht.

Wären die Bahnschienen nicht, die nur an einer Stelle überquert werden können, müsste ich nur geradeaus fahren, um zur Musikschule zu kommen. Die Dudenhöfer entlang, dann die Wolfsstraße runter bis zum Marktplatz und dann über eine Nebenstraße zum Freihofplatz. Jeden Dienstag dieselbe Strecke, elf Jahre lang. Ich war froh über den kleinen Schlenker über die Bahnschienen. Zeit hinauszögern.

Herr M hat sich sehr viel Mühe gegeben, meine Freude und Motivation am Klavierspielen wieder zu erwecken. Mein erster Klavierlehrer hingegen hatte sich sehr viel Mühe gegeben, meine anfängliche Euphorie schon beim Gedanken an eine Klaviertaste zu ersticken. Es hatte mich nicht gewundert, als mir Herr M erzählte, dass er nur in Seligenstadt unterrichtete, um ein Auge auf meinen alten Klavierlehrer zu haben. Die beiden kannten sich vom Studium, wo mein alter Klavierlehrer nackt mit offenen Türen in Gemeinschaftsräumen am Klavier saß und sich des Spielens erfreute. Das passte zu ihm. Voll in seinem Element hatte er irgendwie nicht so den Blick für andere. Den Blick dafür, was mich als kleines Mädchen interessierte oder was ich brauchte, um GERNE Klavier zu lernen. Also haben wir – Herr M und ich – neu angefangen. Wir haben einfache und herausfordernde Stücke abgewechselt, improvisiert, mit Heften gearbeitet und einzelne Stücke gespielt, die uns besonders gefielen. Green Sleeves, Stücke von Yann Tiersen, Adele, den Beatles, sogar meinen Metallica-Wunsch hat er mir erfüllt.

Nach Yesterday, Imagine und Penny Lane, spätestens aber nach einer kleinen Taschenbuch-Biografie über die Beatles, die Herr M mir schenkte, stand fest, dass er ein riesiger Beatles Fan war. Und das überträgt sich, die Euphorie überträgt sich. Selten haben mir Stücke so viel Spaß gemacht wie Beatles-Stücke. Herr Ms Euphorie war meine Euphorie war die Euphorie meiner benutzten Klaviertasten war die Euphorie meiner Eltern.

Ich kam also in der Musikschule an. Bin zwei Stockwerke Wendeltreppe hochgetrottet, vorbei an dem verhassten Saal meiner ersten vier Jahre Klavierunterricht bis in den Vorraum der oberen Unterrichtsräume. Da saß ich dann, habe der Schülerin vor mir gelauscht und der Unmut wuchs. Schon wieder nicht geübt. Blöder Chopin. Ich wollte endlich wieder was Cooles machen. Verdammt noch mal. Wahrscheinlich hatte Herr M das gespürt – an meinem wenigen Üben. Denn – Trommelwirbel – ein neuer Beatlessong! Let It Be, anspruchsvoll, aber super cool! Erst hat Herr M den MP3-Player angemacht, den Song laufen lassen und gemeinsam haben wir die Musik auf uns wirkend Kiwis gegessen. Die kleinen, ovalen Zespri-Aufkleber klebten wir unter die zahlreichen anderen auf den blau gestrichenen Fensterrahmen. Und dann ging es endlich los. Endlich, endlich wieder ein Lied gespielt, das Spaß macht. Ha ha!

Ich wusste in diesem Moment schon, dass ich den Rest des Tages über einen Ohrwurm haben würde. Ich würde die Wolfs- und die Dudenhöferstraße hochradeln, mir die Abendsonne ins Gesicht scheinen lassen und Let It Be vor mich hin summen. In Endlosschleife.

Foto: www.pixabay.com

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