Ewige Jugend

Luoluo hat mir eine E-Mail geschrieben. Es geht um Geld, um viel Geld. Sie bittet meinen Mann und mich, ihr und ihrem Mann zwei Millionen Dollar zu leihen, damit sie sich ein GeschĂ€ft einrichten können. Die beiden sind Angestellte eines staatlichen Institutes, sie als Übersetzerin und er als Computer Programmierer. Er hat ein Computerspiel entworfen und braucht Kapital, um eine Firma zu grĂŒnden.

Und seit wann spricht sie ĂŒbers Geld, wie andere normale Chinesen? FĂŒr mich ist Luoluo keine normale Chinesin. Sie wuchs in einer bergigen Region in SĂŒdchina auf und gehört zu einer MinoritĂ€t, die an viele Götter glaubt. Zwölf Jahre lang ging sie ĂŒber Berg und Tal zur Schule. Hin und zurĂŒck zwei Stunden bei gutem Wetter. FĂŒnfmal pro Woche. Kein einziges Mal hat sie gefehlt. Sie war das erste und einzige MĂ€dchen, das unbedingt eigensinnig zur UniversitĂ€t wollte. Damals wurde 27 % der Abiturienten von den UniversitĂ€ten akzeptiert. Die PrĂŒfung war so schwer wie fĂŒr eine Raumfahrt. Trotzdem bestand sie sie mit guten Noten und erhielt staatliche finanzielle Hilfe, fĂŒnf Dollar pro Monat, wegen ihres Minderheitenstatus. Sowieso hatten ihre Eltern kein regelmĂ€ĂŸiges Einkommen, außer einem Bauernhof, einem Reisfeld und ein paar KĂŒhen, Schweinen, Ziegen und HĂŒhnern. Obwohl wir als Studenten keine GebĂŒhr und Unterkunft zahlten, mussten wir monatlich mit einem Dollar das Essen in der Kantine bezahlen. Luoluo brauchte dazu noch zwei Zugtickets fĂŒr zwei Dollar pro Semester. FĂŒnf Dollar pro Monat war fĂŒr uns ein Vermögen.

Sie war nicht nur meine Kommilitonin an der UniversitĂ€t, sondern auch meine Stockbettpartnerin, sie oben und ich unten. Wir wohnten mit den anderen vier MĂ€dels in einem Schlafzimmer. Am Anfang spotteten wir ĂŒber ihren Akzent, weil sie „L“ von „M“ und „N“ nicht unterscheiden konnte. „Nase“ war „Lase und „Man“ war „Lan“.

Sie hatte zwar einen kompakten Körper, aber dĂŒnne und lange Finger. Auf ihrem runden und flachen Gesicht wie ein Pfannkuchen waren die Backen von Wind und Sonne gerötet. Sie habe ein Apfelgesicht, sagten wir. Unter ihrem linken Auge war ein Muttermal wie der Schatten eines Schmetterlings. Beim Gehen streckte sie ihre kurzen Beine in großem Schritt vorwĂ€rts, gefolgt von ihrem sich nach vorn lehnenden Oberkörper. Manchmal dachte ich, sie wĂ€re eine Ente mit dem Schritt einer Giraffe. Bei der WehrĂŒbung litt sie unter ihrer körperlichen EinschrĂ€nkung. Wir mussten unter einen 50 Meter hohen und 100 Meter langen Stacheldraht durchkriechen, mit einem altmodischen Gewehr in der Hand. Sie kroch wie eine auf den Boden geklebte Raupe, ihre Pobacken gingen nach oben und unten und sie blieb, wo sie war. Wir lachten laut. Der hĂŒbsche junge Hauptmann, der das Training allzeit mit ernster Miene durchfĂŒhrte, musste sein Lachen unterdrĂŒcken und befahl uns, mit dem Lachen aufzuhören.

Trotzdem war Luoluo gut gelaunt. Als wir ĂŒber sie lachten, brach sie auch in glockenhelles GelĂ€chter aus, zeigte ihre krummen weißen ZĂ€hne und ihre Augen glĂ€nzten. Ihre Pupillen waren so klar, dass wir wie ein Bild hineingingen. „Deine Augen sind die hellsten Sterne am Himmel, durch die ich meine Seele sehe“, sagte ich ihr oft.

Tag fĂŒr Tag wurde sie mehr ein Teil unseres Lebens. Sie stand um sieben Uhr morgens auf und weckte mich. Sie machte das Zimmer sauber. Jeden Morgen ging sie zur HintertĂŒr der UniversitĂ€t und wartete auf Guo, die wegen KinderlĂ€hmung mit einem Rollstuhl zur Uni kam. Die beiden gingen zusammen bis zur Treppe, die zu unserem Klassenzimmer fĂŒhrte. Dann trug sie Guo auf ihrem RĂŒcken und kletterte drei Etagen hinauf. Eine von uns brachte den Rollstuhl nach oben. Jeden Tag vier Jahre lang.

Tag fĂŒr Tag war sie die Sonne und der Mond meines Lebens. Wir gingen fast jeden Tag nach dem Abendessen im Garten spazieren, Hand in Hand. Wir sprachen ĂŒber Hemingway, T. S. Eliot, E.B. White, Jules Verne oder unseren Traum, meistens in Englisch. Oft hörte sie mir zu. Einmal liefen wir Dr. James, unseren Professor fĂŒr Literatur aus den USA, ĂŒber den Weg. Er kicherte und erklĂ€rte uns, dass wir in den USA als lesbisch bezeichnet wĂŒrden. Verwirrt fragten wir ihn, was „lesbisch“ bedeutete. Nachdem wir den Begriff verstanden hatten, geriet Luoluo in Schrecken, ihr Mund weit geöffnet und ihre Augen zugekniffen. „Warum machen die Amerikaner das Leben so kompliziert?“, fragte sie Dr. James. „So ist unsere Gesellschaft“, schĂŒttelte er seinen Kopf und verabschiedete sich. Luoluo nahm meine Hand wieder. „Hier denken wir nicht so wie die Amerikaner. Die sind verrĂŒckt.“

Viele MĂ€dchen in der Klasse suchten die Liebe und wurden in der Liebe gefangen. Wir suchten Abenteuer. Mit dem Fahrrad fuhren wir zusammen in der Nacht zu einer anderen UniversitĂ€t, um den Film „Sophies Choice“ von Meryl Streep zu schauen. Unterwegs hielten wir am Kanal an und sahen den Mond im Wasser zittern, wie unsere zitternden Herzen. Sophie hatte keine Hoffnung mehr außer der Hoffnung, zu sterben, um sich von ihrem Schmerz zu befreien. Wir allerdings hatten alle Hoffnung und die Zeit, zu leben und auf die Liebe, diese schicksalhafte SerendipitĂ€t zu warten. Als wir zurĂŒckkamen, war die TĂŒr des Wohnheims abgeschlossen. Ich muss erwĂ€hnen, dass unser Wohnheim von den Jungen wertschĂ€tzend „Pandaheim“ genannt wurden, denn nur MĂ€dchen wohnten dort. Um Mitternacht wurden alle Jungen aus dem GebĂ€ude gejagt und die TĂŒr von innen abgeschlossen. Luoluo und ich wollten nicht draußen schlafen. Wir hatten einmal auf der Bank im Flur unseres Krankenhauses geschlafen, aber es war unbequem. Wir kletterten und drĂ€ngten uns durch die Fenstergitter ins Zimmer. Dennoch war Luoluos Kopf zu groß. Inzwischen weckten wir die anderen. Zwei mussten zwei Gittern auseinanderziehen, damit Luoluo durchkommen konnte.

Einmal kochten wir „Dumplings“ bei Jean, unserer anderen amerikanischen Professorin. Luoluo benutzte eine Bierflasche als Nudelholz, Jean ihren neuen Strumpf als KĂ€setuch. Das beste Essen in der besten Gesellschaft in meinem Leben. Nachdem wir alles aufgegessen hatten, brachte Jean KĂ€se auf den Tisch und zeigte uns die Fotos ihrer Familie. Wir baten Jean, ein Gedicht vorzulesen. Sie dachte sofort an „Der unbegangene Weg“ von Robert Frost. Ihre Stimme floss durch die Luft wie die Melodie eines Cellos, die sich ins Herz schlich. War das ein Echo ihres Lebens oder unseres? Luoluo wischte sich die TrĂ€nen aus den Augen.

Vor dem Abschluss machten wir Fotos im Campus und sangen zusammen auf der Abschiedsparty. „In alle Winkel der Erde reisen wir allein und bleiben fern von Zuhause. Im Leben treffen wir uns selten wieder und ein Glas Wein erleichtert unsere Trennung. Adieu meine Freunde!“. Erstmals tranken wir viel Wein. Mit einem Koffer verließ jede das Wohnheim.

Obwohl Luoluo und ich in Peking arbeiteten, sahen wir uns selten. Nach einem Jahr heiratete sie und ihr Mann hatte den gleichen Namen wie ich. Ich verließ die Stelle im Ministerium und konzentrierte mich darauf, Karriere zu machen. WĂ€hrend ich mehr Zeit im Flugzeug und in Hotels verbrachte, war sie schwanger und bekam einen Sohn. Nachdem ich China verlassen hatte, habe ich es nicht geschafft, am Wiedersehen der Klasse teilzunehmen.

Am Abend schreibe ich ihr zurĂŒck, „Liebe Luoluo, du musst uns entschuldigen, dass wir keine zwei Millionen Dollar auf dem Konto haben. Ich hoffe, dass unsere Freundschaft trotzdem bleibt. Deine Chun.“ Sie antwortet, „Liebe Chun, mache dir keinen Gedanken. Wir werden eine Lösung finden. Im Anhang sind einige Fotos vom letzten Treffen. Wann kommst du zurĂŒck? Deine Luoluo“.

Ich schaue die Fotos an. Das schönste MĂ€dchen aus der Klasse hat jetzt ein Doppelkinn. Die Jungen verlieren ihre Haare und haben Sorgenfalten unter den Augen. Luoluo trĂ€gt Sonnenbrille, ein Cheongsam und eine weiße Hose, schick, schlank. Das Muttermal ist nirgendwo zu sehen und ihre Haut ist nicht mehr rot, sondern weiß und makellos. Sie lacht, zeigt ihre krummen ZĂ€hne wieder. Auf einem anderen Foto trĂ€gt sie keine Brille und ihre Augen glĂ€nzen, wie frĂŒher.

Ich finde die alten Fotos in meinem Album. Da sind Luoluo und ich vor dem Abschied. Sie sitzt auf einer Baumgabel im Garten, eine Hand auf einen Zweig gestĂŒtzt und die andere auf meine Schulter. Sie trĂ€gt einen von meiner Mutter gestrickten roten Pullover, ich einen hellblauen. Wir lĂ€cheln in die Kamera. Die Sonne scheint auf uns herab. Der Himmel ist wolkenlos.

Wir hatten weder Geld noch ein Bankkonto, aber wir hatten die Welt und einen Glauben an Wunder. Wir waren jung.

Foto: wwww.pixabay.com

Falls Sie einen Rechtschreibfehler finden, teilen Sie uns dies bitte mit, indem Sie den Text auswĂ€hlen und dann Strg + Eingabetaste drĂŒcken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: